ATA TUSI

Mutual Inspiration

Bei „ATA TUSI . Mutual Inspiration“ inspirieren sich Text und Bild abwechselnd. Einmal ist es ein Bild, das den inspirierenden Impuls für einen Text liefert, dann ist es ein Text, der ein Bild entstehen lässt. In diesem Wechselspiel sammeln sich Monat für Monat neue Text-Bild-Paare.

Das Bild einer Mohnknospe beispielsweise, das die Blüte kurz vor ihrer Entfaltung zeigt, findet sein Gegenstück in der Geschichte einer Verwandlung. Weibliche und männliche Elemente aus dem Bild kehren thematisch im Text ebenso zurück, wie die Vorstellung der Kurzlebigkeit. Beide, Bild und Text, leben von den Widersprüchen und der Dominanz der Farbe.

Fotografie und Creative Writing beeinflussen, ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig.

Die Begriffe „Ata“ und „Tusi“ stammen aus dem Samoischen und bedeuten „Text“ und „Bild“. 

Der Brief

Der Brief

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Der Brief

Kurts Augen leuchteten als er seinen Freund vor sich stehen sah: „Wenn ich dich so ansehe, dann bin ich wirklich stolz auf dich. Ich freu mich riesig für dich!“

Ben hatte sich gerade um die eigene Achse gedreht, sich sogar den Ring probeweise an den Finger gesteckt, den Kurt dann verwahren sollte und stand nun vor ihm, strahlte heller als die Sonne draußen. Dass sein bester Freund an diesem Tag und in dieser Stunde bei ihm war, bedeutete ihm sehr viel. Und dass er die Gefühle benannte, die ihn augenscheinlich überwältigten, rührte ihn. Sein Freund aus Kindheitstagen, sein Gipfelgenosse, sein Bierkumpel Kurt - heute in dunkelblauem Anzug, mit weißer Rose im Knopfloch, war er der richtige Mann am richtigen Ort. Kurt hatte es immer schon geschafft, ihm Ruhe zu vermitteln. Auf Kurt war Verlass. Kurt würde ihn in einer knappen Stunde auch am Traualtar zur Seite stehen.

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Ben machte einen Schritt auf seinen Trauzeugen zu, um ihn zu umarmen, da klingelte Kurts Handy.

„Mach mal“, gab ihn Ben frei und wandte sich dem großen Wandspiegel zu.

„Es ist Mia“, antwortete Kurt und verzog sich Richtung Fenster, während er den Anruf annahm:  „Hallo Liebes, na wie geht’s?“.

Ben war zufrieden mit seinem Spiegelbild, konnte sich gar nicht sattsehen an sich selbst. Mehrmals drehte er sich von links nach rechts und von rechts nach links, wischte hier ein vermeintliches Haar weg, glättete dort den Stoff und legte sich die Hand mit dem glänzenden Ring auf das Hosenbein. Zufrieden spähte er zu seinem Freund, der mit dem Rücken zu ihm am Fenster stand und hörte wie er sagte:  „Nein, das stimmt so nicht. Mia bitte, lass mich das erklären, aber nicht jetzt. Ich kann gerade nicht. Wir müssen gleich los“.

Es schien irgendein Missverständnis mit Mia zu geben. Und irgendwie war Ben nicht überrascht. Mia war immer schon eine komplizierte Frau gewesen. Ein Rätsel, was Kurt an ihr fand und mehr noch, dass er sie überhaupt geheiratet hatte. Heute erbrachte sie den Beweis, dass sie außerdem unfair war. Sie wusste, dass Kurt bei ihm war, war natürlich auch eingeladen, hatte aber kurzfristig entschieden, nicht mitzukommen. Ihr Sohn hatte Windpocken oder Mumps. Was wollte sie also?

Ben wollte sich seinen Tag jedenfalls nicht mit Gedanken an Mia verderben lassen und blickte sich suchend im Zimmer um. Da fiel ihm Veras Brief ins Auge. Er lag auf dem Nachttisch. Vera hatte ihn am Morgen in einem großen Kuvert voller goldener Herzen durch den Türspalt geschoben. Als er ihn gelesen hatte, war sein Herz fast übergegangen vor Glück. Jetzt wollte er sich in diesen Zeilen noch einmal räkeln, bis Kurt sein Telefonat beendet hatte und sie los mussten.  

Während Kurt Schwierigkeiten zu haben schien, zu Wort zu kommen, setzte sich Ben aufs Bett und begann die Worte vor seinen Augen zu inhalieren:

„Mein alles geliebter Ben. Du Schönster aller Schönen. Mein absoluter Lieblingsmensch. Mein Glück und meine Freude. Seit wir uns vor zwei Jahren in Venedig kennengelernt haben, ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht und mich nicht nach dir gesehnt hätte. Und heute wollen wir uns versprechen, den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Ich weiß es schon seit zwei Jahren: Ja, Ja, und  Jaaaa! Mein geliebter, wunderbarer  Ben! Ja, ich will.“

„Nein, nein Mia, ich möchte das jetzt nicht diskutieren. Ich kann das jetzt nicht. Bitte“, zischten Kurts flehende Worte im Hintergrund. Ben räusperte sich und versuchte, sich auf seinen Brief zu konzentrieren: „Mein Herz geht über, wenn ich an dich denke und die Liebe in mir spüre, die ich für dich empfinde. Ich will für dich da sein. Immer. In guten wie in schlechten Zeiten. Ich weiß, dass uns nichts passieren kann, solange wir uns lieben“.

 „Mia, das ist unfair und du weißt das auch. Ich werde jetzt auflegen. Ich kann jetzt nicht und bitte dich, das zu respektieren. Morgen können wir über alles reden“, platzierte Kurt nun deutlich hörbar in sein Smartphone.

Instinktiv blickte Ben zu Kurt hinüber und wunderte sich nun doch. Das war gar nicht Kurts Art. Der stand jedoch immer noch mit dem Rücken zu ihm. Hilflos wandte sich Ben wieder Veras Zeilen zu. Die schienen ihre magische Kraft vom Morgen nur widerwillig hergeben zu wollen. Ben rückte sich zurecht, zog kurz die Schultern zurück und seinen Rücken gerade dann nahm er den Brief fest in seine Hände. Wo war er stehen geblieben? Hier, „… solange wir uns lieben.

Licht meiner Träume, Traummann, Mann aller Männer. Ich liebe einfach alles an dir, dein ansteckendes Lachen, die zarten Härchen auf deinen Armen, deine warmen, weichen Hände …“

„Tja, dann lass es eben. Schluss jetzt. Mia ich sage es ein letztes Mal. Morgen können wir über alles reden. Nicht jetzt. Tschüss“. Kurts Schritte kamen schnell näher. Als ob das Gespräch in einem anderen Raum stattgefunden hätte, schloss er mit einer kurzen an Ben gerichteten Entschuldigung rasch eine unsichtbare Tür hinter sich. Dann trat er vor Ben: „ Und? Bist du bereit? Wollen wir?“.

Ben sah seinen Freund an und zögerte kurz, als müsse er sich in seiner Haut zurechtfinden, dann nickte er. „Bin bereit“, spuckte er aus, legte den Brief zur Seite und stand auf.  

Schwarze Männer

Schwarze Männer

Wer geht so schnell, gebeugt nach vorn,
Es ist die Frau in ihrem Zorn.

Sie will ihn fesseln, ihn befrei‘n
Würd am liebsten nur laut schrei’n.

-Warum nicht gleich, warum erst jetzt? -
-Zurück bleibst du, allein, verletzt!-

Mit jedem Schritt sie Wunden leckt
Sie neue Bilder in sich weckt.

Bald kann sie die Kirche sehn,
Sieht dort schwarze Männer stehn.

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„Kein Eintritt heute. Geh’n Sie fort“
– Was soll das hier am heilg’en Ort?

Wer sind Sie, wer glauben Sie zu sein?
Ich bin jetzt hier, ich will jetzt rein. –

Der Mann sie an der Schulter fasst,
Sie reißt sich fort in ihrer Hast.

Sie läuft davon und springt hinab.
Landet weich auf einem Grab,

Läuft weiter zu der Türe hin;
Hat nur das Recht in ihrem Sinn.

– Was treibt mich an, was treibt mich fort?
Das rechte Maß in mir verdorrt! –

Sie will nicht hören, zieht in den Krieg,
Will endlich holen sich den Sieg.

Da steht ein zweiter schwarzer Mann,
Will sie halten, fesseln, um sie dann

Daran zu hindern, den Schritt ins Innere zu tun,
Wo Kopf und Herz in Taten ruhn.

Sie entwischt mit List und Kraft,
Endlich sie’s zur Türe schafft,

drückt sie fest und macht sich schwer;
Drinnen ist die Kirche leer.

Schwarze Männer

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Kalte Milch

Kalte Milch

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Kalte Milch

Nina wollte ihren Ärger loswerden, runterschlucken. Instinktiv ging sie zum Kühlschrank.

Langsam begann sie den Inhalt abzuscannen. Worauf hatte sie Lust? Was würde in einer Situation wie dieser schmecken? Noch bevor ihre Wünsche eine konkrete Form annehmen konnten, prallten sie an der harten Realität ab. Karotten und Radieschen taugten nicht als Seelentröster und ein Avocadobrot war ihr zu umständlich. Wie üblich, hatte ihre Veggie Mitbewohnerin beim Einkauf nur an sich gedacht und somit war nichts Essbares da. Außer Milch. Na dann. Kalte Milch ging immer.

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Der Abend war eigentlich recht gut angelaufen. Hannah‘s Idee mit dem Kleeblatt war perfekt. Sie und Leon und Hannah mit Felix. Was als Vier-Freunde-Abend ausgespielt wurde, hätte in einem romantischen Date enden können.

Hätte.

Hat aber nicht.

Dabei waren sie und Leon das ideale Paar, passten wunderbar zusammen. Beide waren sportlich, beide hübsch, beide hatten einen ähnlichen Humor und beide waren intelligent. Na ja, so ganz der hellste war er vielleicht doch nicht. Sonst hätte er sich schließlich anders verhalten. Beim Tanzen hat er sie die ganze Zeit angesehen, der muss doch auch etwas gefühlt haben. Immer wieder hat er sie angesehen, ihr Hoffnungen gemacht. Nur deshalb kam ihr die Frage über die Lippen, ob er sie nach Hause begleiten wollte. Und was tut er? „Klar“, sagt er und lädt Hannah und Felix ein, auch mitkommen. Der checkt rein gar nichts. So verhält sich doch kein Mann!

Der konnte ihr gestohlen bleiben, der Milchbubi, der.

Im Untergrund

Im Untergrund

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Im Untergrund

Der Tag beginnt wie jeden Morgen. Sie steht auf, macht sich einen Kaffee und schlürft ihn stehend und aus dem Fenster schauend. Draußen ist es dunkel. An der Scheibe kleben Tropfen. Sie denkt, dass der Regen die Form der Welt verändert, die Lichter schräg und unscharf macht. 
 
Als sie den Kaffee fertig getrunken hat, räumt sie ein paar Sachen vom Abend zuvor weg. Die Decke, mit der sich ihr Mann immer zudeckt, wenn er abends länger fernsieht, die Fernbedienung, das Wasserglas. Es ist noch halbvoll. Sie gießt damit die Zimmerpflanze neben dem Sofa, die wundersamerweise immer noch lebt, obwohl sie pausenlos vergessen wird.
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Sie schaut auf die Uhr, merkt dass es Zeit wird zu gehen und verlässt die Wohnung. Draußen igelt sie sich unter ihrem Regenschirm ein, bis sie die U-Bahnstation erreicht. Dort unten ist es immer trocken, auch wenn die Menschen Regenreste mit sich runtertragen.
 
Sie drängelt sich in die erste U-Bahn, die einfährt, ergattert einen Sitzplatz und schaut auf Jacken, Taschen, Aktenkoffer, Beine. Für alle die sitzen, gibt es nur die untere Hälfte der Fahrgäste, nur den halben Sauerstoff. Auch ihren Blick zieht es nach unten, in die untere Hälfte der Hälfte. Am liebsten würde sie noch ein bisschen schlafen. Nur kurz, flach atmen und ganz leicht werden.
 
Da kommt ihre Haltestelle. Sie steigt als eine der letzten aus und geht Richtung U4. Die meisten Leute biegen links oder rechts ab, gehen hoch, sie muss weiter. Der Hall ihrer Schuhe drängt sich ihr auf. Sie staunt, wie entschlossen und kräftig sie auftritt. Kein Film, in dem der Hall der Stöckelschuhe den Überfall und die Vergewaltigung der Frau ankündigt.
 
Sie läuft am Kiosk vorbei, der geschlossen ist. Ist er das am Morgen immer, fragt sie sich. Sie kann sich nicht erinnern, dass ihr das jemals aufgefallen wäre. Dann biegt sie ab und sieht die Rolltreppen, die sie zur U4 bringen. Sie muss nur noch einen Zwischenstock runter und dann mit einer der drei Rolltreppen hoch.  Immer wenn sie die drei Rolltreppen sieht, weiß sie, dass sie die Erde bald verlassen wird. Zwei Stationen weiter steigt sie überirdisch aus.
 
Die Rolltreppe trägt sie langsam hoch, sie sieht nach oben, dem Ende entgegen. Dann nach unten, zum Anfang. Nach rechts und links. Sie stellt fest, dass sie alleine ist, dreht sich um die eigene Achse.  Hat sie ein Schild verpasst auf dem „Geschlossen“ stand? Sie dreht sich weiter, bleibt rückwärts stehen, während sie weiter nach oben fährt. Der Raum wird ihr mit einem Mal zu groß. Sie will hier nicht länger bleiben. Sie dreht sich wieder um und fängt an, die Treppen hochzusteigen. Oben angekommen eilt sie weiter Richtung U4. Weit und breit keine Menschenseele. Der Rhythmus ihrer Schritte wird schneller, ohne dass es ihr bewusst ist.  
 
Die Geschäfte sind links und rechts alle geschlossen. Es fehlt die Musik. Plötzlich kann sie ihren Atem hören.
 
Sie schluckt und fängt an zu laufen, den Blick nach vorne gerichtet. Sie will, dass dort die Erlösung liegt. Als sie um die Ecke biegt, bleibt sie sofort stehen. Unter ihr liegen die drei Rolltreppen der U4. Das kann nicht sein, denkt sie und sieht nach hinten, weiß nicht mehr, was geschieht. Sie geht ein Stück zurück. Sie ruft „Hallo. Ist da jemand?“
 
Keine Antwort. Sie versteht nicht, dreht wieder um. Sie ruft noch einmal, diesmal lauter und geht nach unten. Vor den drei Rolltreppen bleibt sie stehen, unschlüssig, was sie tun soll. Plötzlich bleibt die Treppe stehen. Nur ein leises Surren ist zu vernehmen, das von einer Totenstille geschluckt wird. Sie blickt zur Seite und nach oben, sucht nach Videokameras und Tönen.
 
Nimm dich zusammen, mahnt sie sich. Denke, denke nach – es muss eine Erklärung für all das geben. Sie kann nicht stehenbleiben, kann nicht denken. Sie nimmt sich sich ein Herz und nähert sich der Rolltreppe. Der Bewegungsmelder löst tosend die Motorik aus. Unsicher betritt sie die erste Stufe und spürt ihre eigene Unsicherheit. Ihr Puls rast, während ihre Beine stillstehen.  
 
In der Mitte hält sie‘s nicht mehr aus. Sie springt die Stufen hoch, hechtet den Gang hinunter. Sie will nur noch raus. Im nächsten Augenblick sieht sie die drei Rolltreppen und spürt, wie Tränen in ihr emporsteigen. Sie stürzen aus ihr hervor, stürzen die Rolltreppe runter werden sie im nächsten Moment wie eine Flutwelle mit sich fortreißen.
 
Da dringt eine Stimme bis zu ihr, nimmt sie an der Hand und führt sie nach draußen. Der Mann hört nicht auf zu reden und nur langsam wird ihr klar, dass er versucht sich zu entschuldigen. Er hätte nicht bemerkt, wieviel Regenwasser sich in seiner Hutkrempe angesammelt hatte.

Vor dem Einschlafen

Vor dem Einschlafen

Schließe die Augen
 
Flatternde Flügelpaare
 
erzählen den Tag.

Vor dem Einschlafen

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Es war einmal

Es war einmal

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Es war einmal

Es war einmal eine mächtige Herrscherin, die mit ihrem Sohn in einem wunderschönen Schloss am Meer lebte. Ihr Mann, der König, war früh gestorben, so dass sie sich alleine um die Regierungsgeschäfte kümmerte.

Als der 25. Geburtstag ihres Sohnes nahte, überkam die Königin eine große Unruhe. Ihr Sohn war erwachsen geworden, würde heiraten und, so befürchtete sie, seine Frau mehr lieben als seine Mutter. Dieser Gedanke ließ sie nächtelang nicht schlafen und sie beschloss, die Mädchen selbst zu suchen, unter denen der Königssohn an seinem Geburtstag eine Gemahlin wählen sollte. Dem Königssohn war das recht. Schließlich war er daran gewöhnt, dass seine Mutter alle Entscheidungen traf. Bis zu seinem Geburtstagsfest wollte er sich mit seinen Freunden bei Jagdausflügen und Reitturnieren vergnügen.

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Bald ließ die Königin im ganzen Land die Kunde von der Brautschau des Königssohnes verbreiten. Dafür waren alle jungen Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren zu einem Fest eingeladen. Königliche Berater würden die schönsten und anmutigsten unter ihnen auswählen. Diese durften dann vor die Königin treten, um sich einer weiteren Prüfung zu unterziehen. Nur die Mädchen, die das Wohlwohlen der Königin für sich gewinnen konnten, wurden dem Königssohn schließlich vorgestellt.

Die Nachricht über die Brautsuche des Königssohnes verbreitete sich rasch und kam auch Paradise zu Ohren. Paradise lebte mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter in einem kleinen Haus am Fluss. Ihre Mutter war gestorben als sie sieben Jahre alt war. Der Vater hatte wenig später wieder geheiratet und seitdem kümmerte sich die Stiefmutter um das Mädchen, da der Vater oft tagelang unterwegs war. Die Stiefmutter mochte Paradise, doch hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt und träumte selbst von Reisen in die große Welt.

Paradise erzählte ihrer Stiefmutter vom königlichen Aufruf. Wie alle Mädchen hoffte sie, vom Prinzen auserwählt zu werden. Die Stiefmutter aber witterte sogleich die Gelegenheit, durch Paradise zu Macht und Reichtum zu gelangen und ihrem Alltag zu entfliehen. So waren sich beide rasch darüber einig, dass Paradise der Einladung folgen sollte. Allein der Vater mahnte, dass ein solcher Handel nichts Gutes bringen würde.

„Was redest du da, Mann?“, schimpfte ihn seine Frau, „keiner geht es besser als der Frau des Königssohnes.“ Damit wandte sie sich ab und ließ ihn traurig stehen.

Bei den Worten der Stiefmutter empfand Paradise Mitleid mit ihrem Vater, doch schon wurde sie von ihr fortgezogen und mit begeisternden Worten überschüttet. Schnell vergaß Paradise ihren Vater und suchte gemeinsam mit ihrer Stiefmutter die schönsten Kleider aus, probierte die raffiniertesten Frisuren und übte die charmantesten Posen.

Am Tag des Festes, begleitete die Stiefmutter Paradise bis zum Schlosstor. Dort mahnte sie:
„Mein Täubchen, vergiss nicht, dass von diesem Tag deine Zukunft abhängt. Du musst alles tun, damit du vor die Königin treten darfst“.

Überzeugt betrat Paradise den großen Festsaal. Sie kam sich vor wie in einem Taubenschlag. Überall flatterten und gurrten hübsche Mädchen herum und warteten darauf, in den Himmel zu fliegen.

Schließlich betraten die königlichen Berater den Saal und machten sich daran, jedes einzelne Mädchen von allen Seiten zu begutachten. Am Ende jeder Inspektion verkündeten sie ihr Urteil, das oft sehr hart ausfiel. Viele Mädchen brachen darüber in Tränen aus und verließen schluchzend den Festsaal. Paradise spürte, dass die Angst zu versagen, wie eine dunkle Wolke über ihr hing und hoffte nicht im Regen stehen zu bleiben.

Als die königlichen Berater zu ihr traten, versuchte sie ihr freundlichstes Lächeln und auch während sie von allen Seiten begafft wurde, hielt sie tapfer daran fest. Als jedoch eine Hand auf ihrem Po klatschte, blieb ihr das Lächeln im Halse stecken. Wütend drehte sie sich um.

„Nun guck nicht so, du Ding“, scherzte der Berater, „freu dich, du darfst der Königin unter die Augen treten. Allerdings solltest du dir bis dahin deine Haare glätten. Seine Majestät mag keine Locken.“

Damit wurde sie nach Hause geschickt. Paradise wusste nicht, ob sie sich freuen oder ob sie weinen sollte. Unwillkürlich dachte sie an ihre Mutter, wie sie ihre Locken geduldig und voller Liebe gekämmt hatte, und Tränen stiegen in ihr hoch. Sie wollte ihr Haar und die Erinnerungen nicht glätten.

„Eine andere Frisur bringt Abwechslung in dein Leben. Glatte Haare stehen dir bestimmt gut,“ redete die Stiefmutter ihr zu, „warte nur, bis du erst mal Prinzessin bist, dann kannst du mit deinen Haaren tun, was du willst.“ Der Vater, der das mitanhörte, schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, doch als er dem forschen Blick seiner Frau begegnete, kam kein Wort mehr über seine Lippen.

Ein paar Wochen später brachte ein Kurier die persönliche Einladung zum Empfang der Königin. Die Stiefmutter holte das Glätteisen hervor und redete auf das Mädchen ein, während es stumm auf seinem Stuhl saß und die Veränderung über sich ergehen ließ. Dann begleitete sie Paradise bis zum Schlosstor und schärfte ihr ein, wie wichtig es sei, die Erwartungen zu erfüllen, um ans Ziel zu gelangen.

Langsam ging Paradise zum großen Festsaal. Dort türmten sich die köstlichsten Speisen in goldenen Schüsseln und Diener boten den Mädchen bunte Getränke an. Die herausgeputzten jungen Damen standen in Grüppchen zusammen, manche lachten, andere zappelten nervös herum, während die Hofkapelle vornehme Musik spielte.

Plötzlich trat Stille ein. Die Königin hatte den Saal betreten und setzte sich auf ihren Thron. Das erste Mädchen nahm Platz doch als es zur Antwort ansetzte, begann es zu stottern und wurde umgehend nach Hause geschickt. Das nächste Mädchen redete, als ob es um sein Leben ging und wurde deshalb mit einer Absage bestraft. Dann wurde Paradise nach vorne gebeten.

„Paradise, was für ein schöner Name. Wie kommst du dazu?“, fing die Königin an.

„Meine Eltern haben sich kennengelernt, weil mein Vater meiner Mutter einen Paradiesapfel geschenkt hat. Das war der Anfang ihres Glücks, das ihnen mit meiner Geburt vollkommen schien, daher haben sie mir diesen Namen gegeben“, antwortete Paradise.

Die Königin fragte weiter: „Und, haben sie es je bereut, dich so genannt zu haben?“

Die Frage traf Paradise im Herzen und sie stockte. Dann erzählte sie vom Tod ihrer Mutter und der zweiten Heirat ihres Vaters.

Die Königin hörte aufmerksam zu und stellte ihr eine letzte Frage: „ Sag, Mädchen, was hat ein Paradiesapfel so Besonderes an sich?“

„In unserem Garten wächst der schönste Paradiesapfelstrauch weit und breit. Meine Großmutter hat ihn gepflanzt und mein Vater hegt und pflegt ihn noch heute. Jedes Jahr trägt er die köstlichsten Früchte. Sie begleiten uns über den Winter und schenken uns Hoffnung und Farbe in den kalten, grauen Wintermonaten. Denn jede Frucht trägt Hunderte blutroter Kerne in sich, als Zeichen für die Fruchtbarkeit und das Leben“, antwortete Paradise.

Der Königin gefiel die Antwort, und sie übergab Paradise eine Einladung für das anstehende Geburtstagsfest.

Damit war Paradise entlassen. Vor dem Schloss übergab sie ihrer Stiefmutter schweigend den Brief, die alsbald in Tränen der Erleichterung ausbrach. Paradise ließ sich umarmen und antwortete auf alle ihre neugierigen Fragen, konnte selbst jedoch keine Freude empfinden.

Diese dritte Einladung war mit der Aufforderung verbunden, ein Geschenk für den Königssohn mitzubringen. Die Stiefmutter selbst wollte sich darum kümmern und besorgte eine wertvolle Vase. Sie war handgefertigt und kunstvoll bemalen. Am Tag vor dem Fest passierte es jedoch, dass Paradise die Vase aus Versehen fallen ließ und sie in Tausend Stücke zersprang. Der Vater entdeckte das Mädchen, wie es weinend am Boden saß und versuchte, die Scherben zusammenzukleben.

„Stiefmutter wird so enttäuscht sein“, schluchzte das Mädchen, und der Vater nahm es in die Arme.
„Ich werde dir ein anderes Geschenk besorgen“, tröstete er seine Tochter und kam bald darauf mit einem Paket zurück, das genauso aussah wie jenes der Stiefmutter.

„Hast du eine zweite Vase gefunden?“, fragte Paradise

„Nein, es ist ein viel schöneres Geschenk. Vertrau mir!“, erklärte ihr der Vater geheimnisvoll, „ich habe es nur genauso verpackt wie die Vase, damit niemand etwas von dem kleinen Malheur erfährt“.

Als der Geburtstag des Königssohnes gekommen war, brachte die Stiefmutter Paradise wieder bis zum Schlosstor und trug ihr auf, ja nichts falsch zu machen.

Die Fahnen des Reichs wehten von den Zinnen des Schlosses und die Fanfaren spielten, als Paradise den mit Blumen geschmückten Festsaal betrat. Wieder spielte die Musik und Diener bewirteten die zahlreichen Gäste. Schließlich kamen auch die Königin und ihr Sohn und nahmen Platz, damit die geladenen Mädchen ihre Geschenke und Glückwünsche überbringen konnten.

Als Paradise bemerkte, dass jedes Geschenk bei der Übergabe geöffnet wurde, fror ihr das Blut in den Adern vor Schreck. Was hatte ihr Vater wohl gefunden, das schöner und passender sein konnte als die Vase, fragte sie sich und konnte ihre Aufregung kaum verbergen. Als sie an der Reihe war, starrte sie so sehr auf den Diener, der ihr Geschenk öffnete, dass sie fast vergessen hätte, dem Königssohn zu gratulieren. Bevor dieser allerdings antworten konnte, schrie die Königin: „Was ist das? Was fällt dir ein, du kleines, dummes, unwichtiges Ding!“

Paradise war sprachlos. Ihr Vater hatte einen Paradiesapfel eingepackt.

Da stand die Königin von ihrem Thron auf und schmetterte ihn auf die Erde, wo er zerplatzte und seinen Saft wie Blut in alle Himmelsrichtungen spritzte. Paradise starrte auf die rote Frucht am Boden. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie sagte: „Es ist das, was du aus mir machen wolltest“. Dann stand sie befreit auf und verließ den Festsaal, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Sommerjob

Sommerjob

Das junge Mädchen stand am Waschbecken hinter dem Ausschank. Das weiße Polo adrett hinter die schwarzen Hosen gesteckt, enganliegende, kurze schwarze Schürze und sogar das Holzschildchen auf der linken Brustseite – alles war so, wie bei den anderen Angestellten der Strandbar „L’isola“ auch. Äußerlich stolperte ein aufmerksamer Beobachter höchstens über den Namen auf dem Schildchen: Lydia. Mit y. Aber dazu musste sich das Mädchen erst mal umdrehen. 
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Lydia spülte die Gläser, das dreckige Geschirr der Strandgäste, die sich einen Toast im Schatten gegönnt hatten oder zwischendurch bei einem kühlen Bier Erholung suchten. Ihr Leben war gefangen in dieser Strandbar, eingesperrt zwischen Geschirrspüler, Tresen und den Tischen, die sie sauber machte. Ihr Auftrag drehte sich im Kreis:  Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen, Tische abräumen, Geschirr ausräumen, Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen und so weiter und so weiter. 
 
Vor der Strandbar lag das Meer und noch viel weiter weg die Berge, die Lydia ausgespuckt hatten.
 
Beim Abschied am Flughafen hatte ihre Mutter gesagt: „Wenn du wiederkommst, sprichst du perfekt italienisch“ bevor sie sie noch einmal umarmt und dann allein gelassen hatte. Im Moment wusste Lydia nicht, was sie mehr hasste, ihre Mutter, die Italiener oder sich selbst, weil sie dem Sommerjob zugestimmt hatte. 
 
Manchmal sprach ein Gast sie an. Dann stieg eine plötzliche Panik in ihr hoch und ohne auf die Worte zu achten, sah sie sich hilfesuchend nach den richtigen Kellnerinnen um, den italienischen.  „Deve parlare in inglese con lei“, sagten sie meist nur, und in Lydias Scham mischte sich die Wut.  Lydia war hier um Italienisch zu lernen, nicht Englisch! Warum konnten sie sich nicht die Zeit nehmen, ihr die Dinge zu erklären? Das allein, fand sie, war der Schlüssel raus aus ihrem Hamsterrad. Also wartete Lydia darauf, bis ihn jemand in die Hand nahm und den Käfig aufsperrte. 
 
Fünf Tage war sie nun schon hier, und ihre Haut war dünn geworden. Harmlose Worte und Gesten verwandelten sich in spitze Messer, weil sie sie entweder an zuhause erinnerten oder daran, dass sie nicht zuhause war. Um ihnen auszuweichen suchte Lydia Zuflucht bei ihrem Geschirrspüler, hoffte, dass der Waschgang fertig war, um die Tür zu öffnen und der heiße Wasserdampf die roten Augen erklären und den Kloß in ihrem Hals wieder auflösen konnte. 
 
„Lydia, go and get some lemons from the kitchen”, holte sie die Oberkellnerin aus ihren Gedanken. Lydia ließ das Geschirrtuch fallen und lief los. Als sie auf das Gebäude mit der Küche zusteuerte, entdeckte sie Bernd, der geradewegs auf die Strandbar zukam. Er war am späten Abend vor zwei Tagen mit einem Freund gelandet. Sie hatten seinen Besuch seit Monaten geplant. Doch als Lydia ihn gestern sah, bereute sie es, ihn um diese Reise gebeten zu haben. Sie wäre lieber alleine untergegangen, als unter seinem mitleidenden Blick. Nicht ungern verschwand sie daher in die Küche. Geschickt wich sie den herumschwirrenden Küchenleuten, Kellnern und anderen Wichtigkeiten aus und suchte sich ihren Weg in die Kühlzelle, bis hin zu den Zitronen, die sie auf demselben Weg zurück in ihre Strandbar brachte. 
 
„Grazie cara“, rief ihr die Oberkellnerin über die Schulter zu, und Lydia war ihr unendlich dankbar dafür. Es fühlte sich so gut an, etwas richtig zu machen, besonders jetzt, wo Bernd da war. „Ich schaffe das, ich werde Italienisch lernen, die Gäste in ihrer Sprache bedienen. Ich kann das“. Wie nach einem Sprung ins kühle Meer, reckte sie sich erfrischt und siegessicher auf und schaute sich suchend nach Bernd um. Mit einem kurzen Nicken signalisierte sie ihm, dass sie ihn gesehen hatte und dass er warten musste, bevor sie sich daran machte, eine Ladung schmutziger Gläser in die Spülmaschine zu räumen. Erst danach schnappte sie sich einen Lappen und ein leeres Tablett und zog los, um die Tische abzuräumen. Auf ihrem Weg machte sie an Bernds Tisch Halt, der seine Cola inzwischen ausgetrunken hatte. 
 
„Wie geht es dir?“, fragte Bernd und suchte ihren Blick. Lydia klemmte sich das Tablett in die Hüfte und sah ihn kurz an: „Gut“.
 
Bernd kannte diesen Ton. Es ging ihr nicht gut. Hilflos fing er an: „Wir haben uns dort hinten positioniert.
 
Dort sind keine kleinen Kinder. Also weniger Geschrei. 
 
Wir sind grad erst angekommen. 
 
Ganz schön heiß, heute wieder, was?
 
Hast du heute Mittagspause?“
 
„Später, ich weiß noch nicht,“ Lydia wollte weiter, ihre Arbeit tun.
 
„Viel los heute, was?“
 
„Ja,“ antwortete Lydia und sah sich dabei demonstrativ um, damit Bernd verstand, dass sie hier gebraucht wurde und auch um sicher zu gehen, dass die anderen Kellner sie nicht beobachteten, wie sie hier am Tisch stand und nichts tat.  
 
Da berührte Bernd ganz leicht den kleinen Finger ihrer linken Hand, die locker herunterhing, während ihre rechte die Arbeitsutensilien noch immer fest umklammerte. 
 
Lydia zuckte zusammen und die Sehnsucht überrollte sie wie ein Tsunami. Wie sehr wünschte sie sich seine starke Schulter, seine breite Brust, wollte sich an ihn schmiegen, alles vergessen, nur von ihm gehalten werden. 
 
„Ich muss jetzt gehen. Bis später,“ würgte sie heraus. Dann drehte sie sich um und ging wieder in die Strandbar, wo sie als erstes den noch laufenden Geschirrspüler öffnete. 
 
 

Sommerjob

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Endlich Sommer

Endlich Sommer

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Endlich Sommer

Endlich Sommer. Kirschenzeit.
Es ist die Zeit der Diebe,
der heimlich süßen Triebe.
 
In lauen Nächten
auf Bäume klettern
verstecken spielen
in Lügenblättern,
eingehüllt im süßen Duft aus Übermut.
 
Betört vom prallen Fleisch, dem süßen Blut,
Auge, Mund - die Lust,
den Kuss zu stehlen,
Abenteuer zu rauben und hehlen.
 
All die heimlich süßen Triebe
es ist die Zeit der Liebe
Kirschenzeit. Endlich Sommer.

Abschied

Abschied

BZ60952 Bearbeitet 2

Abschied

Liebe Marie,
ich kann nicht mehr. Bitte verzeih mir das Leid, das ich dir gebracht habe und den Schritt, den ich tue. Für mich bedeutet er Erlösung, und ich hoffe schlussendlich auch für Dich.
Ich kann nicht mehr. Die Krallen der Dunkelheit ziehen mich an allen Seiten in die Tiefe. Quälen mich Tag und Nacht. Gefangen in dem engen, finsteren Loch wird das Licht zunehmend unerreichbar für mich. Nur selten kann ich am Ende dieses Labyrinths das Leuchten unseres gemeinsamen Glücks erkennen, mich noch einmal dorthin schleppen und kurz aufatmen, bevor die Dunkelheit mich wieder ruft.
Ich kann nicht mehr. Ein neues Licht lockt nun. Ich will glauben, dass es die Erkenntnis ist, endlich einen Ausweg zu sehen, das Geschenk, entscheiden zu dürfen. In meinem Elend ist die Klarheit das Einzige, das mir Frieden schenkt.
Liebe Marie, bitte verzeih mir. Mein größter Wunsch ist Erlösung, und dass für dich die Blumen wieder blühen. Bald. Versprich es mir.
Ich werde dich immer lieben.
Dein Hans

Die Silbermöwen

Die Silbermöwen

BZ67226 Bearbeitet

Die Silbermöwen

Seit ein paar Tagen standen die Zeichen auf Paarung.

Es war März. Einige der Männchen versuchten bereits, sich auf den Rücken der Weibchen in Stellung zu bringen. Besonders bei einem der Pärchen funktionierte das schon recht gut. Das Weibchen verhielt sich ruhig, das Männchen musste keine akrobatischen Leistungen vollbringen, um den Fortbestand der Spezies zu sichern. Richard war sich sicher, dass es sich dabei um Team 32 handelte. Das Dream Team vom letzten Jahr, das 4 Junge großgezogen hatte.

Silbermöwen zu beobachten war Richards Lebenssinn, das Geld verdiente er als Mitarbeiter im örtlichen Katasteramt. Seit ihm als Achtjährigem eine Silbermöwe genau in dem Moment in sein Wasserglas geschissen hatte, als er trinken wollte und er daraufhin nichts mehr runterbrachte, während seine Eltern und sein Bruder gelacht, von ihrem mit Legionellen versetzten Wasser getrunken hatten und im Krankenhaus gelandet waren, fühlte Richard sich diesen Tieren verbunden.

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Wenn Kinder ihre Eltern fragten, wer der große, dünne Mann auf dem Fahrrad sei, dann antworteten die gutmütigen unter ihnen „Richard Möwenherz, der unterwegs ist, seine Möwen zu retten“.

Richard merkte nichts davon, er führte sein Leben im Verborgenen, draußen in den Dünen und tauchte immer dann in den Foren der Vogelkundler auf, wenn es um die Rechte seiner Silbermöwen ging. Sein Interesse für die Silbermöwen war seit Jahren ungebrochen, während jenes für die Zweibeiner zusehends verkümmerte. Auf seinen Touren begleiteten ihn daher Fahrrad, Wasserflasche, Fernrohr und Digitalkamera. Nicht, dass er sich nicht auch manchmal Freunde oder eine Partnerin gewünscht hätte, aber er wusste einfach nicht, woran er so jemanden hätte erkennen können.

Richard trat in die Pedale, der Fahrtwind war noch kalt, auch wenn die Sonne schien. Als er am Strand sein Fahrrad abschloss, düste eine Gruppe Jungen auf ihren Bikes an ihm vorbei. Einige hatten eine Bierkiste hinten drauf, woraufhin Richard die Dünen in der entgegengesetzten Richtung wählte.

In seinem Versteck angekommen, trank er einen Schluck Wasser und holte Fernglas und Notizbuch heraus. In der beruhigenden Annahme darüber, dass hier keine Leute unterwegs sein würden, legte er sich gespannt auf die Lauer.

Team 32 war da, Team 22 ebenso. Letztere zankten sich mal wieder und Richard fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie sich neue Partner suchen würden. Am Boden hielt sich das Männchen aus Team 18 abseits und schien auf seine Partnerin zu warten. Richard durchforstete den Himmel und das Meer, doch auch er konnte sie nicht finden. Wenn er es sich recht überlegte, fehlte schon seit einer Weile jede Spur von ihr. Noch bevor er den letzten Eintrag im Notizbuch finden konnte, ging hinter seinem Rücken ein solch wildes Gekreische los, dass Richard alarmiert nach dem Fernglas griff.

„Welcher Vollidiot gibt den Möwen Brot? Kein Brot an Wasservögel. Das weiß doch jeder!“, ärgerte er sich. Nun war es so, dass er sich tagelang über Zwischenfälle ärgern konnte, die seine Möwen betrafen. Richard selbst empfand dies als anstrengend und um sich selbst etwas Gutes zu tun, hatte er sich angewöhnt, immer dann, wenn wer er sich ärgerte, einen Schluck Wasser zu trinken und großes imaginäres Loch zu schaufeln, um seine Wut bildlich darin zu vergraben.

Während er sich also umdrehte, grub er im Kopf sein Loch und trank einen Schluck Wasser. „Wieder mal so eine Tussi aus der Stadt, die die Welt retten will und dabei alles nur schlimmer macht“, schob er nach und begann damit das Loch wieder zuzuschütten.

Als er seinen Blick wieder Richtung Strand richtete, bemerkte mit Erleichterung, dass die Frau sich in Bewegung gesetzt hatte und an seinem Versteck vorbei den Strand entlang weiterging.

Zwei Tage später, Richard war wieder auf Beobachtungsposten und beobachtete gerade Team 32 beim Liebesspiel, brach das Chaos erneut aus und zerstörte jegliche Eintracht.

„Was zum Teufel“, fluchte Richard und begann auch gleich ein Loch auszuheben. Gleichzeitig zoomte er den futterbringenden Eindringling näher ran und erkannte auf Anhieb die Frau vom Tag zuvor. „Schon wieder die! Kommt die jetzt jeden Tag?“, zeterte er leise los, drehte sich um und grub noch ein Stückchen weiter, bevor er einen Schluck Wasser nahm. Als er wieder hinsah, war sie bereits an ihm vorbei.

Als wäre er vorgewarnt gewesen, entdeckte Richard die Frau ein paar Tage später bevor das Geschrei der Möwen ihn auf sie aufmerksam machte. Er dachte bereits daran, vorsichtshalber sein Loch aufzuwerfen, da entschied er anders und nahm sie genauer unter die Lupe. Die Frau warf den Möwen wieder Brot hin und setzte gleich darauf ihren Weg fort. So wie manche Menschen den Fernseher einschalten, wenn sie in die Wohnung kommen und dann nicht hinsehen, so schenkte diese Frau den Möwen ihre Aufmerksamkeit nur für den Moment des Fütterns. Im Geschrei der Möwen zog sie weiter. Das verwirrte Richard.

Als er sie das nächste Mal sah, ging sie wieder geradewegs zu den Möwen, fütterte sie und spazierte am Strand entlang weiter. Richard beobachtete sie durch sein Fernglas. Da hob sie ihren Kopf und sah geradewegs in seine Richtung. Ihr Blick ging plötzlich direkt durch seine Linse bis mitten in sein Herz und befahl ihm still zu stehen. Richards Herz gehorchte und traute sich erst weiter zu schlagen, als sie ihren Blick abwendete. Dann raste es laut trommelnd der verlorenen Zeit hinterher, auch dann noch als die Frau längst an Richard vorbeigegangen war.

Am nächsten Tag kam die Frau nicht und Richard ging früher als gewöhnlich nach Hause.

Als sie wieder am Strand auftauchte schluckten die Möwen das mitgebrachte Futter als wären sie am Verhungern. Richard war nicht minder gierig und studierte sie von Kopf bis Fuß. „Sie ist schön. Kein Firlefanz, kein unnötiger Schnick Schnack. Wunderschön und allein,“ durchströmte es ihn.

Auch in den nächsten Tagen enttäuschte sie ihn nicht. Sie kam, warf den Möwen Futter hin und wanderte inmitten des Geschreis weiter, die Blicke tief in die Dünen oder weit auf das Meer hinaus. Richard holte seine Digitalkamera heraus. Auf Bildern gehen keine Details verloren.

Zurück in seiner Wohnung setzte er sich an den Computer. Der Zauber, der sein Herz berührt hatte, ging nun auch auf seine Augen über. Richard meinte immer neue Ähnlichkeiten mit seinen Silbermöwen zu erkennen. Da war der Mund, verschlossen, still. Nicht wie bei anderen Menschen, die pausenlos lächelten oder redeten. Die vollen Lippen, die aufeinander ruhten, gaben keine Miene preis. Runde, schwarze Augen, die ins Leere sahen, doch denen keine Gefahr entging.

Soweit konnte Richard seine eigenen Überlegungen noch mit einer gewissen Belustigung betreiben, was ihn aber wirklich stutzig machte, war die Art, wie sie den Kopf hielt, so ruhig und erhaben, lange auf die Dünen gerichtet, den Strand oder das Meer. Niemals hastig, immer zielsicher.

Um es kurz zu machen, Richard begann auf die Frau zu warten. Sie tauchte regelmäßig alle paar Tage für ein paar Minuten auf und verschwand dann wieder hinter der nächsten Strandbiegung.

Richard machte Bilder, sammelte sie, wie er einst als Kind Möwenfedern gesammelt hatte und träumte abends im Bett von Begegnungen und gemeinsamen Abenteuern und konnte oft lange nicht einschlafen.

Als Richard am nächsten Morgen sein Fahrrad Richtung Straße schob, kam hinter der Hecke eine Nachbarin vorbei, die plötzlich ihren Hund an der Leine zog und mit ihm zu reden anfing. Richard war es gewöhnt, dass Menschen Wichtigeres zu tun hatten als ihn zu grüßen, wenn sie sich begegneten, doch diesmal traf es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel: „Sie weiß, dass ich da bin, sie weiß, dass ich sie beobachte”. Richard sprang zurück ins Haus und sah sich die letzten Bilder nochmal an. “Da muss noch mehr sein, quälte er sich und langsam formte sich eine Überzeugung in ihm: “Sie will beobachtet werden und wartet jetzt darauf, dass ich den nächsten Schritt mache”. Wie die Sonne plötzlich hinter einer Wolke hervorkommt und alles überflutet, so legte sich die Hoffnung über seine Seele.

Voller Vorfreude radelte er zum Strand und brachte sich in Position. Er wollte sie mit neuen Augen sehen, sich zu erkennen geben. Heute, morgen, übermorgen, ihm fehlte noch ein Plan.

Sie kamen von hinten. Er hatte sie nicht bemerkt. Erst als sie ihn riefen, drehte er sich um. Zwei Polizisten, der eine sagte: „Guten Tag. Uns liegt eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Stalking vor. Können Sie uns sagen was Sie hier machen?“ Der andere stand stumm daneben.

Gefangen

Gefangen

Es ist Mittag. Ich liege da und gucke fern. Ich liege mittags nie da und gucke fern. Nur heute. Mir fehlt die Kraft zu denken, geschweige denn etwas zu tun.

Es ist schwül draußen. Die Julihitze fährt wie eine Straßenwalze über meinen Willen.

Ich sollte den Artikel fertig schreiben, an dem ich gerade arbeite, schaff es aber nicht, mich dafür zu motivieren. Also bleib ich liegen und glotz in die Röhre. Die Nachmittagssendungen der Privaten kann ich mir trotzdem nicht antun. Soviel Ehre hab ich noch. Ich schalte um auf Netflix. Dort wird mir ein Streifen vorgeschlagen, der nach Rosamunde Pilcher riecht. Heute die Nummer vier in Italien. Ich schaffe ich es noch, mich zu fragen, warum mir so was vorgeschlagen wird, dann drücke ich, ohne mir Gedanken über die Antwort zu machen, auf OK. Ich weiß in den ersten vier Minuten wie der Film ausgehen wird. Genau das Richtige.

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Als die beiden Hauptdarsteller zum ersten Mal aufeinandertreffen bekomme ich Durst. Ich bin aber zu träge, um aufzustehen und mir was zu trinken zu holen. Also bleib ich liegen und durstig.

Er und sie nähern sich an, da klingelt mein Handy, das ich blöderweise in meiner Tasche habe. Die Tasche liegt in der Garderobe. Ich lass es klingeln, bis es aufhört. Vielleicht war’s Martin? Der ist daran gewöhnt, dass ich manchmal nicht antworte und wird es wieder versuchen. Ich bin ihm so unendlich dankbar für seine Geduld und wünsche mir, er wäre hier, damit ich ihm das auch mal sagen kann. Wir könnten diesen Film vielleicht gemeinsam schauen und ein bisschen rummachen.

Im Film küssen sich die beiden endlich, aber am nächsten Tag heiratet sie seinen Anwalt, also besäuft er sich und haut dann ab.

Ich sollte etwas anderes tun. Nicht einfach so rumliegen. Schade, dass ich mein Handy nicht habe, sonst könnte ich Martin zurückrufen und fragen, ob er heute früher nach Hause kommt.

Im Film versinkt er grad in Liebeskummer. Er trifft sich mit seiner Ex wegen irgendetwas. Sie merkt natürlich was mit ihm los ist, nickt ihm zu, als würde sie ihm die Erlaubnis erteilen, endlich das zu tun, was sein Herz ihm rät, und er packt seine sieben Sachen und fährt zu seiner neuen Liebe. Die hat sich inzwischen von ihrem Mann, dem Anwalt, getrennt. Mein Magen fühlt sich mulmig an.

Er steht am Grill im wunderschönen Schlossgarten, wo er ein kleines Restaurant eröffnet hat und bereitet gerade ein köstliches Essen vor. Da kommt sie mit ihrer Vespa angefahren, parkt unter einem uralten, schattigen Baum und geht auf ihn zu. Die ganze Zeit sieht sie ihm in die Augen und lächelt. Er wartet bis sie vor ihm steht, dann fragt er sie, wie es ihr geht. Gerade so als wollte er wissen, ob sie ihn liebt. Während mir die Tränen den Hals hochkriechen und in die Augen drängen werd ich ungeduldig. Sie erzählt, dass sie angefangen hat zu studieren. Er findet das großartig. Zusammen gehen sie ins Haus und in ihr Glück. Sie kriegen sich, und ich heule wie ein Schlosshund. Endlich.

Dann steh ich erleichtert auf und mache mich an die Arbeit.

Gefangen

Gefangen

Himmel

Himmel

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Himmel

manchmal grollend, manchmal grell
manchmal heiter, manchmal hell
aufklärend - verdunkelnd
glitzerfunkelnd
einheitsgrau
blitzeblau
dazwischen kitschig, donnerschwer
regenbogenbunt, ein nebelmeer.
immer wieder licht. magie.
spiegel unserer fantasie.
wie das leben.
eben.

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Draußen kommt ein johlendes Martinshorn schnell näher. Mia blickt vom Bildschirm hoch und aus dem Fenster. Das Draußen wird zum Drinnen, die Nacht verwandelt ihr Spiegelbild in einen Avatar. Mia braucht mehrere Sekunden, bis sie Bild und Ton ihren jeweiligen Welten zuordnen kann. Dann sieht sie auf die Uhr. Es ist kurz vor zwölf. Ihr Nacken spannt, die Augen wollen schlafen gehen. Nur noch wenige Fotos, dann ist sie fertig.
 
Mia ist Hochzeitsfotografin und hat sich auf After Wedding Shootings in Venedig spezialisiert. Zum vereinbarten Termin trifft sie die Paare in Venedig und verwandelt ihren großen Traum in Bilder, die zuhause als unumstößliche Beweise des Glücks gepostet, geteilt und gerahmt werden.
 
Je früher sie ihre Bilder dem Paar übergeben kann, desto mehr fühlt sich Mia als Teil dieses Glücks und nimmt dafür auch Überstunden gern in Kauf. Doch diesmal läuft es nicht wie geplant. Die Fotos vom letzten Shooting sind noch nicht bearbeitet und in zwei Tagen muss sie zum nächsten Termin nach Venedig. Das Hotel hat ihr vor drei Tagen einen Strich durch die Rechnung gemacht und das Zimmer für das geplante Dressing Up kurzfristig abgesagt. „Buchungsfehler“.
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Sie war sich wie vor einem dieser Greifautomaten vorgekommen, mit denen man versucht, ein süßes Plüschtier herauszuholen. Es liegt schon in der Kralle und plötzlich fällt es raus und jeder weitere Versuch es zu fassen scheitert ebenso. Mia musste mehrmals im Hotel anrufen, immer wieder E-mails schreiben, bis sie ihr Zimmer endlich wieder hatte. Am liebsten wäre sie hingefahren und hätte es besetzt, eingenommen bis zu ihrem Termin. Die Aufregung hat sie am Arbeiten gehindert. Seit Stunden sitzt sie jetzt am Computer, damit sie morgen die Bilder übergeben kann. Nur noch ein Bild, dann ist sie fertig.
 
Wie ein Adler kreist ihr Blick über das Foto, um kleine Störenfriede zu entdecken, die Mia dann in Fotoshop bearbeitet. Einmal die Runde, zweimal, bis seine Aufmerksamkeit an einem alten Schild in der Mitte hängen bleibt. Vietato kann sie noch gut entziffern, Verboten, der Rest ist zu klein. Neugierig vergrößert sie das Bild.
 
Vietato soffermarsi e lordare steht auf dem Schild. Was das heißt, weiß sie nicht. Sie weiß aber, dass sie eine Antwort geben will, wenn ihre Kunden sie nach der Bedeutung des Schildes fragen. Schon tippt sie die Wörter in einen online Übersetzer ein, der wirres Zeug ausspuckt: Es ist verboten zu verweilen und zu ekelig. Ekelig ist Quatsch, das muss sie nochmal googeln. Aber Verweilen enttäuscht sie auch. Was heißt das eigentlich? Bevor sie ein Synonym finden kann, fantasiert sie Bilder von einer grünen Bank neben einer Trauerweide am See, die ihre langen Äste ins Wasser fallen lässt. Kleine kreisförmige Wellen gehen von den Zweigen aus, wenn der Wind sie bewegt. Jetzt die Schuhe ausziehen und die Füße im Wasser baumeln lassen.
 
Als hätte sie alleine schon der Gedanke an das kühle Wasser wachgerüttelt, kehrt sie zu ihrer Arbeit zurück.  Sie muss fertig machen. Zurück zum Wort. Tippen ist schneller ist denken. Soffermarsi kann auch mit aufhalten, sich aufhalten übersetzt werden. Vielleicht ist es wegen der Enge der Gassen gefährlich, wenn sich zu viele Menschen auf einem kleinen Platz aufhalten, drängen und es besteht das Risiko, dass jemand in den Kanal fällt. Oder die Venezianer wollen keine Bettler, die sich hier aufhalten, herumlungern. Kompliziert, denkt sich Mia.
 
Jetzt gibt sie das zweite Wort ein. LordareHässlich. Ist es verboten im schönen Venedig hässlich zu sein?
 
Mia ist so müde, dass das Lachen nicht mehr die Muskeln in ihrem Gesicht erreicht. Nur noch ein Versuch. Sie gibt die Kombination lordare + significato in die Suchmaschine ein. Während sie die Einträge mit den italienischen Erklärungen überfliegt, hofft sie ein bekanntes Wort zu finden. Da fällt ihr sporcare ins Auge. Das Wort kennt sie, es heißt beschmutzen. Das macht Sinn und passt zu ekelig. Ein Verbot, Abfälle hier liegen zu lassen oder die Hauswand zu beschmieren.
 
Mia zögert, was hat ein Aufenthalts- und Verschmutzungsverbot in ihrem Hochzeitsbild zu suchen? Sie streckt sich in ihrem Sessel, lehnt sich nach hinter, dreht den Kopf schief und starrt auf das Foto. Wie eine Spinne spukt sie ihren Faden aus und verwebt das Verbot mit dem Hochzeitspaar. Vietato sporcare. Die weiße Braut wird zum Opfer, doch Mia lässt sich nicht auf den Gedanken ein. Da muss doch mehr dahinterstecken, schließlich können Frauen und Männer gleichermaßen mit Dreck werfen. Aus einer dunklen Ecke kriecht die Erinnerung an den Rosenkrieg ihrer Eltern hervor und verströmt seinen widerlichen Geruch. Schnell verbannt sie den Geist wieder in die Flasche. Darauf hat sie jetzt keine Lust.
 
Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, nähert sich dem Bildschirm, zoomt das Foto ein und aus.
 
Vietato soffermarsi. Die einzelnen Worte jagen sie wie im Fiebertraum, peitschen Bedeutungen und Gefühle aus ihr heraus. Soffermarsiruhen lassen, stehen bleiben. Sie will nicht stehen bleiben, kann nicht ruhen lassen. Es ist verboten stehen zu bleiben. Niemals stehen bleiben. Immer weiter. Immer Neues.
 
Mia starrt auf das Hochzeitspaar. Der Anblick lähmt sie. Sie weiß, was geschieht, wenn einer in der Beziehung stehen bleibt. So wie Matthias. Er war vorhersehbar geworden, und sie hatte ihn verlassen.
 
Sie will nicht an Matthias denken. Er hat nichts mit diesem Foto zu tun. Sie haben nie von Heirat gesprochen. Es ist das Bild. Das Bild spritzt Gift in ihr Gehirn. Sie muss Schluss machen, will die Datei schließen, da durchströmt sie die Überzeugung, dass das Schild ihr etwas sagen will.
 
Aber was? Seit sie es bemerkt hat, lässt es sie nicht mehr los und zieht sie immer mehr in seinen Bann. Die schwarzen Buchstaben laufen wie Ungeziefer auf sie über, injizieren ihre Botschaft.
 
Verboten. Du darfst nicht! Du sollst nicht! Du musst! Sie hört ihre Mutter schreien, ihren Vater toben, Matthias leise weinen. Vor ihren Augen fangen kleine schwarze Punkte an zu tanzen, sie kommen näher und näher, werden größer und wachsen zu weißen Verbotstafeln an, auf denen schwarz Vietato steht. Es sind so viele. Wie Planeten fliegen sie von allen Seiten auf sie zu, der Zusammenprall steht kurz bevor. Mia wird schwindelig, kalter Schweiß auf ihren Händen und im Gesicht.  Trommelwirbel in den Ohren.
 
Das Klingeln des Handys entreißt Mia dem höllischen Strudel. Annika, die Freundin, die im Nachbarhaus wohnt, ist gerade nach Hause gekommen und hat bei Mia noch Licht gesehen.
 
„Stör ich“ fragt sie.
 
„Nein“, schluchzt Mia und reißt sich vom Bildschirm los, „kann ich zu dir kommen?“

Fliegenschiss

Fliegenschiss

Zwei Personen befinden sich im selben Raum. Eine Person sitzt auf dem Sofa, die andere spült das Geschirr. Eine Weile lang spricht keiner von beiden. Dann steht Person A auf und geht durch den Raum, am Esstisch vorbei, wo sie kurz stehenbleibt und auf die Lampe schaut, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.  Als sie ihre Runde fortsetzt, sagt sie:
 
A: „Hast du gesehen? Dort, auf dem Lampenschirm beim Esstisch. Eine Fliege hat da hingeschissen.“
 
B hält kurz in der Arbeit inne, schaut starr geradeaus und antwortet:
 
B: „Ja Schatz, hab ich gesehen. Ich putz den Schiss gleich weg.“
 
Ohne Person B weiter zu beachten, macht A einen Abgang. Person B unterbricht ihre Tätigkeit immer noch und hört plötzlich eine Stimme, an die sie gewohnt scheint.  
 
C: Fliegenschiss?? Ich glaube du steckst in einer viel größeren Scheiße. Warum tust du das? Hattest du den Fliegenschiss tatsächlich schon bemerkt? Und wenn ja, stört er dich überhaupt? Oder sind es vielleicht ganz andere Dinge, die dich quälen?
 
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Schiss und Schatz! Das ist nicht dasselbe. Die Wörter kannst du nicht austauschen, auch wenn bei dir mittlerweile mehr Scheiß als Schatz angesagt ist. Kannst du dich überhaupt noch erinnern an den Schatz, den du, den ihr gemeinsam gehoben habt? Das war ein Fest! Eure Träume wurden wahr. Das ganz große Ding. Wo ist es hin? Es kann doch nicht zu einem Fliegenschiss verkommen sein!
 
B widmet sich nun wieder der Spüle und wendet ein:
 
B: „Du übertreibst.“
 
C: Ich übertreibe?  Deine Worte - sinngemäß: „Schatz, ich hab den Fliegenschiss gesehen - ich liebe es, wenn du mich auf Fliegenschisse aufmerksam machst.“
 
B hält wieder inne, dreht sich um, als suche sie die Stimme.
 
C: Was ist das für ein Fliegenschiss, der dich stramm stehen lässt? Jedenfalls kein normaler. Schnapp dir ein Mikroskop und schau dir alle Oberflächen dieser Welt darunter an. Wetten, dass du Scheißhaufen in allen Größen und Varianten findest! Willst du die alle wegputzen?
 
B: „Das war nicht so gemeint.“
 
C: Das war nicht so gemeint? Halt. Stopp. Einen Moment. Was war nicht so gemeint? Und: Wie bitteschön war es denn gemeint? Fakt ist, dass eine Fliege tatsächlich ihren Schiss abgelegt hat. Na und. Die Frage ist doch vielmehr: Wie meinst du es denn? Warum fühlst du dich überhaupt zuständig? Weil du besser putzen kannst?
 
Na dann fang mal bei dir an aufzuräumen!
 
B setzt sich hin und legt die Hände in den Schoß. Der Blick geht ins Leere.

Fliegenschiss

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Ich hör dir gerne zu

Ich hör dir gerne zu

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Ich hör dir gerne zu

Ich hör dir gerne zu
Vergess dabei mein Leben
Tauche ein in deine Welt
Und bin was ich bin, was ich bin.

Ich hör dir gerne zu
Verschmelze, schenk mich her
Sitze in der erste Reihe und
Bin ganz du.

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Ich führe nicht Regie
Leg meine Waffen nieder
Versink in deinen Träumen
Und spür die Sehnsucht leise rauschen.
Ohne Anfang ohne Ende
Nur ich in dir
für den Augenblick.

Tief drinnen weiblich

Tief drinnen weiblich

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Tief drinnen weiblich

Frühmorgens holte das Taxi  Carlo ab und brachte ihn zum Bahnhof. Während der Fahrt schlief er die meiste Zeit. Gegen Mittag kam er  in Hamburg an.
 
Das Hotel, in dem er ein Zimmer gebucht hatte, lag in St. Pauli. Es war immer dasselbe. Und immer wenn er ankam, packte er seine Taschen und den Koffer aus, hing seine Sachen fein säuberlich in den Schrank oder legte sie in den Regalen ab oder verteilte sie im Badezimmer. Dann steckte er sich ein federleichtes, rotes Seidentüchlein in die linke Brusttasche seines Sakkos und machte sich auf den Weg hinunter zu den Landungsbrücken. Matrosenluft atmen, den Schiffen zusehen mitten unter all den schönen Menschen des Nordens. Er konnte stundenlang in einem Lokal oder irgendwo am Hafen sitzen und sich an ihrer Helligkeit laben, sie in ihren Bewegungen verfolgen, bei denen ihr schlanker, hoher Wuchs zur Geltung kam und eintauchen in ihre eisklaren Augen, für die es keine Hindernisse zu geben schien.
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Am späten Nachmittag kehrte er in sein Hotel zurück. Dort wusch er sich die Reste des Alltagslebens vom Leib und machte sich an die Verwandlung. Nach Stunden minutiöser Kleinstarbeit stieg Phönix aus der Asche und erstrahlte in tausend Farbnuancen. Mit jedem Pinselstrich gewann er an Kraft und Stärke und wurde zu einem Kometen, der nicht mehr aufzuhalten war. Eine einzige Zeremonie von Lust und Schönheit, an der auch das Kleid aus hellen Wolken und sonnenstrahlenden Paillettenschuppen und die Frisur teilnahmen. Das blonde Haar türmte sich in den Himmel, goldene Wellen griffen wie die Arme eines Kraken ineinander. Die funkelnden Augen leuchteten mit den grünen Glitzersteinen um die Wette.
 
Freia war geboren, war am Leben und verlangte ihr Tribut.
 
Die Karaokebar lag nicht weit vom Hotel entfernt. Als Freia das Lokal betrat, näherte sie sich wie eine satte Raubkatze ihrem Rudel. Überschwänglich begrüßte sie Priscilla und Olivia, ihre wahren Schwestern, ihre Mütter, ihre Heimat, verschenkte großherzig Worte und Umarmungen und genoss sie ihrerseits wie die Wüste den lang ersehnten Regen.
 
Als es soweit war, betrat Freia die Bühne. Im Lokal herrschte nach der letzten Performance ausgezeichnete Stimmung, die Gäste plauderten und lachten, einige tanzten sogar, andere fieberten ihrem eigenen Song entgegen. Inmitten dieses Lärms setzte die Musik an, und als Freia anfing zu singen, bahnte sich ihre Stimme langsam aber unaufhaltsam ihren Weg hin zum Publikum. Binnen weniger Minuten wandten sich die Gäste von ihren Unterhaltungen ab und Freia zu. Einen nach dem anderen nahm sie gefangen und injizierte ihnen ihre Leidenschaft. Mit dem Ende des Liedes zog das Meer der Geräusche sich angespannt zurück, um kurz darauf in einem Sturm der Begeisterung über sie hinweg zu preschen. Ein Augenblick, der sich tief in ihr verewigte.
 
Die stolzen Küsse und Umarmungen ihrer Freundinnen, die lechzenden Komplimente fremder Männer, die hingebungsvollen Blicke der Gäste saugte sie auf wie ein hungriger Ameisenbär. Dafür lebte sie.

Mit ohne

Mit ohne

Heute habe ich Marian wieder gesehen. Das erste Mal seit unserer Trennung. Jetzt liege ich in meinem Bett, der Straßenlärm dringt bis in‘s Zimmer. Es ist dunkel. Ich kann nicht einschlafen, spüre seinen Blick, wie er mich angesehen hat. Seine Augen sahen nicht mich, sondern bohrten Löcher in mich hinein, wo er seine Wünsche hineinschrauben und verankern wollte.
 
Ich will das nicht mehr.
 
Nach dem Treffen bin ich durch die Straßen gelaufen. Ich wollte diesen alles verklebenden Blick wieder loswerden. Irgendwann spürte ich dann Hunger und ging in eine Imbissbude. Der Typ vor mir bestellte grad einen Burger mit ohne Zwiebel und die Soße dazu mit ohne scharf.
 
Meine Mutter sagt immer, das geht nicht.  Entweder mit oder eben ohne, beides geht nicht, sagt sie. Mein Leben fühlt sich aber genauso an. Ein Leben mit ohne ihn. Das will ich.  

Mit ohne

BZ9 3414 Bearbeitet 1

Windstille

Windstille

Mai2022

Windstille

Am Fenster stehend blickte Filippo auf seine drei Töchter. Eine innere Ruhe, so groß wie das platte Meer, überkam ihn und mit einem tiefen Atemzug inhalierte er den Augenblick. Es kam nicht mehr oft vor, dass sich alle drei zu einem gemeinsamen Mittagessen bei ihm einfinden und dann bleiben konnten.
 
Während sie im Garten auf ihn warteten, plauderten sie friedlich miteinander. Sie glaubten ihn noch bei seinem Nachmittagsschläfchen, gönnten ihm die halbe Stunde Ruhe und spürten nach, wo sich ihre Erinnerungen und aktuellere Erlebnisse verweben ließen.
 
Wie sehr sie sich doch ähnelten. Von seinem Fensterplatz im ersten Stock konnte er sie kaum auseinanderhalten. Pinta stach ein wenig hervor. Sie war die Jüngste und die Größte.  Ein Rohdiamant, den das Leben mit etwas Glück noch schleifen würde.
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Filippo erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen immer einen Zauberstein mit sich herumtrug. Mit ihm hatte sie eine lange weiße Schlange auf sein dunkles Auto gemalt. Für Pinta war es die Schlange aus einem Kinderbuch. Filippo erinnerte sich genau. Die Schlange will darin eine kleine Maus fressen, und der Maus gelingt es, sie auszutricksen, indem sie von ihrem Freund, dem Monster erzählt. Als Filippo die Schlange entdeckt hatte, war er allerdings selbst zum Monster geworden. Was hatte er geflucht und sogar seine Frau Emanuela, Gott hab sie selig, beschimpft, weil sie nicht besser auf das Mädchen aufgepasst hatte. Oder auf das Auto. Das blieb in dem Gezeter unklar.
 
Es tat es ihm leid, wie er damals die Fantasie seiner Tochter mit Füßen getreten hatte, und er sah Pinta wieder vor sich, wie sie geweint und Zuflucht bei seiner Frau gesucht hatte. Emanuela war es erst nach Tagen gelungen, sie zu beruhigen, das Monster wieder einzufangen und zu bändigen. Heute merkte man Pinta nichts mehr an. Sie hatte ihre Kreativität zu ihrem Beruf gemacht, war erfolgreich und sah glücklich aus.
 
Maria stand nun auf und ging in die Küche, um den Wasserkrug nachzufüllen. So wie einst seine Frau war Maria diejenige, die sich immer um die anderen kümmerte. Den Ehrgeiz hatte sie allerdings von ihm, daran zweifelte er keinen Moment. So wie früher seine Frau, war jetzt Maria der Leuchtturm in der Familie. Wenn jemand ein Problem hatte, dann gingen alle zu ihr. Unter seinen Töchtern war sie diejenige, die sich auch um ihn am meisten bemühte. Er hatte sich daran gewöhnt, doch manchmal überkam ihn ein flaues Gefühl, dann nämlich wenn er Dankbarkeit verspürte für Marias Ähnlichkeit mit seiner Frau Emanuela, die dadurch ein bisschen weniger tot war.  
 
Pinta musste grad etwas Lustiges erzählt haben, denn nun lachte Nina laut auf. Ihr Lachen war bis in den oberen Stock zu hören und Filippo musste schmunzeln. Ihr Lachen war klar und sprudelnd wie ein Gebirgsbach und genauso mitreißend. Wenn Nina lachte, dann lachte auch er und plötzlich fühlte sich sein Leben leicht und gut an. So wie jetzt. Er schaute auf seine drei Töchter und beschloss sich ihnen anzuschließen.

Kindheitserinnerungen

Kindheitserinnerungen

Langsam und sachte nahm Birgit Paul die Augenbinde ab und legte sich neben Paul. Kaspar saß daneben und sah gespannt auf Pauls geschlossene Augen. Ein Kind, das ein Geschenk übergibt und ganz kribbelig wird, weil der Beschenkte sich Zeit lässt, das Paket auszupacken, hätte nicht ungeduldiger sein können: „Nun mach die Augen endlich auf!“, drängte er ihn.
 
Paul gehorchte, der Vorhang ging hoch und Kaspar blickte stolz in zwei schwarze Augen, in denen sich die unzähligen Halme des ersten Heus spiegelten, das der Bauer am Tag zuvor eingefahren hatte.
 
Zufrieden legten sich nun auch Kaspar neben Paul und Birgit. Die drei versanken tief im weichen Heuboden und zwischen ihnen bildete sich ein kleiner Wall aus gewelkten Gräsern, trockenen Blättern und spitzen Stängeln. Keiner sprach ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken und Erinnerungen nach, während draußen ein Traktor vorbeituckelte. Ein paar Insekten summten betrunken in der dicken Heuluft, die von einem durch einen Bretterspalt fallenden Sonnenstrahl scharf durchschnitten wurde. In diesem Tortenstück unzählige Staubpartikel, schwebend in einem nicht enden wollenden Tanz vereint. Alles war Musik.
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Plötzlich kam am oberen Ende eine Katze zum Vorschein, die sich gelangweilt an den Rand des Bodens setzte und laut gähnte. Paul musste grinsen. Sie machte diesen Moment perfekt, war nicht bestellt oder geplant. Sie war einfach nur da, weil die Scheune ihr gehörte.
 
Vor zwei Jahren gehörte auch ihm diese Scheune. Hier spielten er und seine Freunden Verstecken, heckten Abenteuer aus und besprachen Geheimes. Hier hüpften sie das Heu platt und kamen mit unzähligen roten Striemen auf Armen und Beinen nach Hause, die wie Feuer brannten, als sie sich abends waschen mussten. Sie hüpften trotzdem in die zweite Maht, hüpfen noch, als der Bauer es ihnen bereits verboten hatte.
 
Der Geruch der Scheune war unverändert. Dieser stickige, warme, dicke Duft, der einem fast die Luft zum Atmen nahm. Dieser Geruch von Enge und Geborgenheit war so wunderbar, weil er sich mit dem Schritt nach draußen plötzlich auflöste und das Gefühl von Freiheit dadurch erst entstehen ließ.
 
Als Birgit sich leicht aufsetzte und Paul ansah, nickte er. Auf sein Zeichen griffen sie sich unter Pauls Körper an den Händen und trugen ihn bis an den Rand des Heubodens. Dort hievten sie ihn herunter und fuhren mit ihm nach draußen.

Kindheitserinnerungen

BZ9 4927 Bearbeitet

Die alte Dame

Die alte Dame

April2022

Die alte Dame

Die alte Dame sitzt allein
ergeben und  bedacht.
Voller Wehmut giert sie noch    
nach der vergang‘nen Macht.
 
Ein Hut bedeckt ihr dünnes Haar. 
 
Noch hat sie nicht aufgegeben,
betört den schnellen Blick 
und spielt ihr Spiel.
 
Vorbei ist sie
die hohe Zeit,
hat ausgefüllt ihr Leben.

Klara

Klara

Der vorbeifahrende Zug schreckte Klara aus ihrem Traum wie der hingebellte Befehl eines Offiziers, der die Reihen seiner Soldaten abschreitet. Der Puls pochte noch in ihren Schläfen, als sie sich in ihrem Sitz zurechtrückte, um sich an der Landschaft draußen zu orientieren. Da blieb ihr Blick an einem funkelnden Punkt inmitten des dunklen Waldes hängen.
 
Sie holte ihr Handy hervor, schaute wie spät es war und glich im Kopf die Zeit mit der geplanten Ankunft des Zuges ab. Dann sah sie wieder nach draußen und merkte, dass es die Spitze eines Kirchturms war, der, jetzt kaum noch erkennbar, vorhin noch den Glanz der Sonne zurückgeworfen hatte. Sie atmete langsam und tief aus. Das Handy behielt sie in der Hand.
 
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Kurz vor der Ankunft in München drängten sich die meisten Fahrgäste bereits auf dem Mittelgang. Darunter viele Passagiere mit Tüten und Taschen, die wie Klara hierher unterwegs waren oder sogar weiter reisten. Klara hatte keine Eile und blieb erst mal sitzen. Ihr Blick huschte von einem Passagier zum nächsten und blieb an einer Frau schräg gegenüber hängen. Die Frau war um die fünfzig, mittelgroß  und blond. Auf den ersten Blick im Äußeren Klara sogar ähnlich, was diese aber weit von sich gewiesen hätte. Allein der zwei Zentimeter lange, dunkle Haaransatz war Welten von ihr entfernt. Und dann die weiße Handtasche, die quer im Ellenbogen der Frau schaukelte. Klara hatte eine ähnliche bereits vor Jahren im Container der Caritas entsorgt.
 
Jetzt drehte sich die Frau, wobei ihr Blick weit in den Raum glitt. Ihre Hand war leicht geöffnet und nach oben gedreht, die roten Fingernägel leuchteten.  Der zuckende Ringfinger schickte Morsezeichen aus.  Mit der anderen Hand rückte die Frau ihre Sonnenbrille im Haar zurecht, dann streifte sie über ihr gelbes Wickelkleid den runden Hüften nach. Offene und versteckte Blicke der umstehenden Passagiere klebten an ihr, und es dauerte nicht lange, bis eine Motte angeflogen kam, ihr den Koffer von der Ablage hob und vor sich her in Richtung Ausgang schob. 
 
Erlöst stand nun auch Klara auf, holte ihr Gepäck und stieg schließlich auf das Bahngleis. Dort sah sie zuerst nach links, dann nach rechts, geradeso als ob sie vor einem gefährlichen Straßenübergang stände und steuerte dann dem Ausgang Arnulfstraße zu, um mit dem Taxi in ihre kleine Pension zu fahren. 
 
In ihrem Zimmer angekommen verstaute sie ihre Sachen und nahm mit ihrer Playlist das Badezimmer in Beschlag. Es waren Songs aus den Achtzigern.  Zur Musik von Madonna hatte Klara in den Discos getanzt, war jedes Wochenende von einer Party zur nächsten gezogen. Bis sie Roger, ihren Mann kennenlernte. Die Wochenenden verbrachten sie von nun an zu zweit, waren glücklich.
 
Madonna sang auch jetzt, als sie sich Lotion über ihr rechtes Bein streichelte, den Unterschenkel hoch bis in die Kniekehle. Roger war Vergangenheit, heute sollte Maurice ihre babyzarte Haut bemerken, ihre Muskeln spüren, keinen Makel finden.
 
Endlich war sie das Material Girl, das sich nahm, was es wollte. Endlich hatte sie den Mut aufgebracht und das Date mit Maurice gebucht. Seit Roger fort war hatte sie sich auf zwei kurze Männergeschichten eingelassen, die ihre Erwartungen in kürzester Zeit zu Enttäuschungen zusammenschrumpfen ließen. Sie hatte keine Lust auf weitere Experimente. Roger hatte sich seinen Spaß gegönnt und dabei keine Rücksicht auf sie genommen. Sie hätte ihm das Abenteuer verziehen, wenn er sich wenigsten die Mühe gemacht hätte, Reue zu zeigen. Hatte er aber nicht. So keimte schon seit längerem die Sehnsucht in ihr, es ihm gleich zu tun und sich dabei gute Qualität zu fairem Preis zu gönnen.
 
München war ideal für ihr Vorhaben. Im Internet hatte sie schnell den passenden Mann gefunden. Am Ende hatte seine weiche, ruhige Stimme den entscheidenden Ausschlag gegeben. Sicher führte er sie durch die organisatorischen Details, so dass sie nur noch bestätigen und die Anzahlung leisten musste. Klara war überzeugt, mit Maurice hatte sie eine gute Wahl getroffen.
 
Ebenso wie mit ihrem neuen dunkelgrünen Kleid, das sie sich extra für den Abend gekauft hatte. Die Farbe, so fand sie, stand ihr ausgezeichnet, und ihre Augen leuchteten. „Grün wie die Hoffnung“, schoss es ihr durch den Kopf, und sie flüsterte in den Spiegel: „Die stirbt zuletzt“.
 
Punkt sieben rief sich Klara ein Taxi, das sie ins Hotel brachte. Lange hatte sie überlegt, Maurice in die Pension zu bestellen, wo sie jahrelang mit Roger abgestiegen war, hatte am Ende aber anders entschieden. Diese Nacht wollte sie einpacken und wegräumen können. Wohin, das wusste sie noch nicht. 
 
So schritt sie jetzt wie ferngesteuert der großen Eingangstür des Hotels entgegen. Ihr Herz hämmerte lauter und schneller mit jedem Tritt, und eine Welle der Nervosität brauste über sie hinweg und drohte alle Absichten mit sich fort zu schwemmen. Klara hatte geahnt, dass das passieren würde und steuerte geradewegs dem Rettungsanker an der Rezeption entgegen. Die Fragen erlösten sie, sie verlangten nur kurze Antworten. Als sie endlich ihre Zimmerkarte in der Hand hielt, fühlte sie sich besser. Sie hatte den Sprung ins Meer gewagt, nun musste sie nur noch schwimmen.
 
Ihr Mund jedoch war wie ausgetrocknet und da sie früh dran war, entschied sie spontan, an der Bar noch einen Prosecco zu trinken.
 
Die Hotelbar war fast leer. Klara wusste nicht recht wohin und ging durch den Raum, bis sie etwas abseits ein kleines Zweiertischchen am Fenster sah. Eine Zimmerpalme hatte es zuerst verdeckt, eine von denen,  wie man sie oft in Warteräumen findet. Bevor Klara sich setzte, kontrollierte sie, ob sie von dort den Hoteleingang im Blick hatte. Dann nahm sie Platz.
Es war sehr ruhig. Jazz hing in der Luft. In sich gegenüberstehenden, dunklen Ledersesseln dösten zwei ältere Leutchen vor sich hin. Näher am Eingang telefonierte  eine Frau, während neben ihr ein Kind am Tisch mit Malen beschäftigt war. An der Bar ein einzelner Rücken in einem elegant wirkenden Jackett. Der Mann saß leicht nach vorne gebeugt auf einem Hocker, das Bier daneben sah frisch und ehrlich aus und für einen Moment überlegte Klara, ob sie nicht auch ein Bier trinken sollte. Doch als der Kellner an ihren Tisch kam, bestellte sie Prosecco.
 
Draußen war Wind und Regen aufgekommen. Schon war die Scheibe voller Tropfen. Tausende kleine Wasserwürmer steuerten aufeinander zu, vom Sturm getrieben, um dann zu verschmelzen und an der Scheibe herunterzulaufen und zu verschwinden. 
 
Klara holte ihr Handy hervor und sandte Maurice wie vereinbart ihre Zimmernummer. Es waren noch gut 20 Minuten bis zum Date. Der Kellner brachte den Prosecco und Klara nahm einen ordentlichen Schluck. Wie eine dieser Neujahrsraketen schoss er die Kehle hinunter und explodierte in ihrem Magen. Das kleine Feuerwerk sprühte bis in ihre Nase und brachte sie in Feierlaune. Sie fing an, die Situation zu genießen. 
 
Entspannt wanderte Klaras Blick durch den Raum und blieb wieder am Mann an der Bar hängen. Sie wunderte sich, wieso sie fast so was wie Interesse für ihn verspürte. Maurice würde jedenfalls jünger sein, seine Haare noch schwarz. Im Videochat hatte er um die Vierzig gewirkt, aber nach seinem Alter wollte sie nicht fragen.
 
Nun stand der Mann auf und zog seine Jacke aus. Dabei drehte er sich um und sah sie an.  Ohne jegliche Vorwarnung platzte eine Bombe in Klaras Bauch und die Druckwelle schoss ihr die Beine weg und jagte über ihre Fingerspitzen hinaus. Das erste was ihr in den Sinn kam war: „Nicht jetzt.“
 
Auch Roger hatte sie entdeckt und kam lachend näher. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Klara daran, aufzustehen und wegzugehen. Doch dafür war es zu spät, außerdem versperrte ihr diese blöde Palme den Weg.
 
Roger stand nun vor ihr und strahlte sie an. Er fragte sie, was sie denn hier täte und was das für ein Zufall sei, und überhaupt, wie es ihr ginge und dass sie gut aussehe und dass er sich freue sie hier zu sehen. Und je mehr er fragte und redete und strahlte, desto ruhiger wurde Klara. Plötzlich ging ihr ein Licht auf. Roger war nervös. Er war nervös wegen ihr. Sie sah ihn an und lächelte.
 
Oben im vierten Stock klopfte ein schwarzhaariger Vierzigjähriger an eine Tür und wunderte sich, dass niemand öffnete. Er kontrollierte die Zimmernummer und als er sah, dass sie richtig war, schüttelte er den Kopf. Vergeblich versuchte er sein Date telefonisch zu erreichen.
 

Klara

Lisa farbe s