ATA TUSI

Mutual Inspiration

Bei „ATA TUSI . Mutual Inspiration“ inspirieren sich Text und Bild abwechselnd. Einmal ist es ein Bild, das den inspirierenden Impuls für einen Text liefert, dann ist es ein Text, der ein Bild entstehen lässt. In diesem Wechselspiel sammeln sich Monat für Monat neue Text-Bild-Paare.

Das Bild einer Mohnknospe beispielsweise, das die Blüte kurz vor ihrer Entfaltung zeigt, findet sein Gegenstück in der Geschichte einer Verwandlung. Weibliche und männliche Elemente aus dem Bild kehren thematisch im Text ebenso zurück, wie die Vorstellung der Kurzlebigkeit. Beide, Bild und Text, leben von den Widersprüchen und der Dominanz der Farbe.

Fotografie und Creative Writing beeinflussen, ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig.

Die Begriffe „Ata“ und „Tusi“ stammen aus dem Samoischen und bedeuten „Text“ und „Bild“. 

Das Sommerpraktikum

Das Sommerpraktikum

Das junge Mädchen stand am Waschbecken hinter dem Ausschank. Das weiße Polo adrett hinter die schwarzen Hosen gesteckt, enganliegende, kurze schwarze Schürze und sogar das Holzschildchen auf der linken Brustseite – alles war so, wie bei den anderen Angestellten der Strandbar „L’isola“ auch. Äußerlich stolperte ein aufmerksamer Beobachter höchstens über den Namen auf dem Schildchen: Lydia. Mit y. Aber dazu musste sich das Mädchen erst mal umdrehen. 
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Lydia spülte die Gläser, das dreckige Geschirr der Strandgäste, die sich einen Toast im Schatten gegönnt hatten oder zwischendurch bei einem kühlen Bier Erholung suchten. Ihr Leben war gefangen in dieser Strandbar, eingesperrt zwischen Geschirrspüler, Tresen und den Tischen, die sie sauber machte. Ihr Auftrag drehte sich im Kreis:  Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen, Tische abräumen, Geschirr ausräumen, Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen und so weiter und so weiter. 
 
Vor der Strandbar lag das Meer und noch viel weiter weg die Berge, die Lydia ausgespuckt hatten.
 
Beim Abschied am Flughafen hatte ihre Mutter gesagt: „Wenn du wiederkommst, sprichst du perfekt italienisch“ bevor sie sie noch einmal umarmt und dann allein gelassen hatte. Im Moment wusste Lydia nicht, was sie mehr hasste, ihre Mutter, die Italiener oder sich selbst, weil sie dem Sommerjob zugestimmt hatte. 
 
Manchmal sprach ein Gast sie an. Dann stieg eine plötzliche Panik in ihr hoch und ohne auf die Worte zu achten, sah sie sich hilfesuchend nach den richtigen Kellnerinnen um, den italienischen.  „Deve parlare in inglese con lei“, sagten sie meist nur, und in Lydias Scham mischte sich die Wut.  Lydia war hier um Italienisch zu lernen, nicht Englisch! Warum konnten sie sich nicht die Zeit nehmen, ihr die Dinge zu erklären? Das allein, fand sie, war der Schlüssel raus aus ihrem Hamsterrad. Also wartete Lydia darauf, bis ihn jemand in die Hand nahm und den Käfig aufsperrte. 
 
Fünf Tage war sie nun schon hier, und ihre Haut war dünn geworden. Harmlose Worte und Gesten verwandelten sich in spitze Messer, weil sie sie entweder an zuhause erinnerten oder daran, dass sie nicht zuhause war. Um ihnen auszuweichen suchte Lydia Zuflucht bei ihrem Geschirrspüler, hoffte, dass der Waschgang fertig war, um die Tür zu öffnen und der heiße Wasserdampf die roten Augen erklären und den Kloß in ihrem Hals wieder auflösen konnte. 
 
„Lydia, go and get some lemons from the kitchen”, holte sie die Oberkellnerin aus ihren Gedanken. Lydia ließ das Geschirrtuch fallen und lief los. Als sie auf das Gebäude mit der Küche zusteuerte, entdeckte sie Bernd, der geradewegs auf die Strandbar zukam. Er war am späten Abend vor zwei Tagen mit einem Freund gelandet. Sie hatten seinen Besuch seit Monaten geplant. Doch als Lydia ihn gestern sah, bereute sie es, ihn um diese Reise gebeten zu haben. Sie wäre lieber alleine untergegangen, als unter seinem mitleidenden Blick. Nicht ungern verschwand sie daher in die Küche. Geschickt wich sie den herumschwirrenden Küchenleuten, Kellnern und anderen Wichtigkeiten aus und suchte sich ihren Weg in die Kühlzelle, bis hin zu den Zitronen, die sie auf demselben Weg zurück in ihre Strandbar brachte. 
 
„Grazie cara“, rief ihr die Oberkellnerin über die Schulter zu, und Lydia war ihr unendlich dankbar dafür. Es fühlte sich so gut an, etwas richtig zu machen, besonders jetzt, wo Bernd da war. „Ich schaffe das, ich werde Italienisch lernen, die Gäste in ihrer Sprache bedienen. Ich kann das“. Wie nach einem Sprung ins kühle Meer, reckte sie sich erfrischt und siegessicher auf und schaute sich suchend nach Bernd um. Mit einem kurzen Nicken signalisierte sie ihm, dass sie ihn gesehen hatte und dass er warten musste, bevor sie sich daran machte, eine Ladung schmutziger Gläser in die Spülmaschine zu räumen. Erst danach schnappte sie sich einen Lappen und ein leeres Tablett und zog los, um die Tische abzuräumen. Auf ihrem Weg machte sie an Bernds Tisch Halt, der seine Cola inzwischen ausgetrunken hatte. 
 
„Wie geht es dir?“, fragte Bernd und suchte ihren Blick. Lydia klemmte sich das Tablett in die Hüfte und sah ihn kurz an: „Gut“.
 
Bernd kannte diesen Ton. Es ging ihr nicht gut. Hilflos fing er an: „Wir haben uns dort hinten positioniert.
 
Dort sind keine kleinen Kinder. Also weniger Geschrei. 
 
Wir sind grad erst angekommen. 
 
Ganz schön heiß, heute wieder, was?
 
Hast du heute Mittagspause?“
 
„Später, ich weiß noch nicht,“ Lydia wollte weiter, ihre Arbeit tun.
 
„Viel los heute, was?“
 
„Ja,“ antwortete Lydia und sah sich dabei demonstrativ um, damit Bernd verstand, dass sie hier gebraucht wurde und auch um sicher zu gehen, dass die anderen Kellner sie nicht beobachteten, wie sie hier am Tisch stand und nichts tat.  
 
Da berührte Bernd ganz leicht den kleinen Finger ihrer linken Hand, die locker herunterhing, während ihre rechte die Arbeitsutensilien noch immer fest umklammerte. 
 
Lydia zuckte zusammen und die Sehnsucht überrollte sie wie ein Tsunami. Wie sehr wünschte sie sich seine starke Schulter, seine breite Brust, wollte sich an ihn schmiegen, alles vergessen, nur von ihm gehalten werden. 
 
„Ich muss jetzt gehen. Bis später,“ würgte sie heraus. Dann drehte sie sich um und ging wieder in die Strandbar, wo sie als erstes den noch laufenden Geschirrspüler öffnete. 
 
 

Das Sommerpraktikum

lissi2 sw

Endlich Sommer

Endlich Sommer

Kirschzeit 1

Endlich Sommer

Endlich Sommer. Kirschenzeit.
Es ist die Zeit der Diebe,
der heimlich süßen Triebe.
 
In lauen Nächten
auf Bäume klettern
verstecken spielen
in Lügenblättern,
eingehüllt im süßen Duft aus Übermut.
 
Betört vom prallen Fleisch, dem süßen Blut,
Auge, Mund - die Lust,
den Kuss zu stehlen,
Abenteuer zu rauben und hehlen.
 
All die heimlich süßen Triebe
es ist die Zeit der Liebe
Kirschenzeit. Endlich Sommer.

Die Silbermöwen

Die Silbermöwen

BZ67226 Bearbeitet

Die Silbermöwen

Seit ein paar Tagen standen die Zeichen auf Paarung.

Es war März. Einige der Männchen versuchten bereits, sich auf den Rücken der Weibchen in Stellung zu bringen. Besonders bei einem der Pärchen funktionierte das schon recht gut. Das Weibchen verhielt sich ruhig, das Männchen musste keine akrobatischen Leistungen vollbringen, um den Fortbestand der Spezies zu sichern. Richard war sich sicher, dass es sich dabei um Team 32 handelte. Das Dream Team vom letzten Jahr, das 4 Junge großgezogen hatte.

Silbermöwen zu beobachten war Richards Lebenssinn, das Geld verdiente er als Mitarbeiter im örtlichen Katasteramt. Seit ihm als Achtjährigem eine Silbermöwe genau in dem Moment in sein Wasserglas geschissen hatte, als er trinken wollte und er daraufhin nichts mehr runterbrachte, während seine Eltern und sein Bruder gelacht, von ihrem mit Legionellen versetzten Wasser getrunken hatten und im Krankenhaus gelandet waren, fühlte Richard sich diesen Tieren verbunden.

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Wenn Kinder ihre Eltern fragten, wer der große, dünne Mann auf dem Fahrrad sei, dann antworteten die gutmütigen unter ihnen „Richard Möwenherz, der unterwegs ist, seine Möwen zu retten“.

Richard merkte nichts davon, er führte sein Leben im Verborgenen, draußen in den Dünen und tauchte immer dann in den Foren der Vogelkundler auf, wenn es um die Rechte seiner Silbermöwen ging. Sein Interesse für die Silbermöwen war seit Jahren ungebrochen, während jenes für die Zweibeiner zusehends verkümmerte. Auf seinen Touren begleiteten ihn daher Fahrrad, Wasserflasche, Fernrohr und Digitalkamera. Nicht, dass er sich nicht auch manchmal Freunde oder eine Partnerin gewünscht hätte, aber er wusste einfach nicht, woran er so jemanden hätte erkennen können.

Richard trat in die Pedale, der Fahrtwind war noch kalt, auch wenn die Sonne schien. Als er am Strand sein Fahrrad abschloss, düste eine Gruppe Jungen auf ihren Bikes an ihm vorbei. Einige hatten eine Bierkiste hinten drauf, woraufhin Richard die Dünen in der entgegengesetzten Richtung wählte.

In seinem Versteck angekommen, trank er einen Schluck Wasser und holte Fernglas und Notizbuch heraus. In der beruhigenden Annahme darüber, dass hier keine Leute unterwegs sein würden, legte er sich gespannt auf die Lauer.

Team 32 war da, Team 22 ebenso. Letztere zankten sich mal wieder und Richard fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie sich neue Partner suchen würden. Am Boden hielt sich das Männchen aus Team 18 abseits und schien auf seine Partnerin zu warten. Richard durchforstete den Himmel und das Meer, doch auch er konnte sie nicht finden. Wenn er es sich recht überlegte, fehlte schon seit einer Weile jede Spur von ihr. Noch bevor er den letzten Eintrag im Notizbuch finden konnte, ging hinter seinem Rücken ein solch wildes Gekreische los, dass Richard alarmiert nach dem Fernglas griff.

„Welcher Vollidiot gibt den Möwen Brot? Kein Brot an Wasservögel. Das weiß doch jeder!“, ärgerte er sich. Nun war es so, dass er sich tagelang über Zwischenfälle ärgern konnte, die seine Möwen betrafen. Richard selbst empfand dies als anstrengend und um sich selbst etwas Gutes zu tun, hatte er sich angewöhnt, immer dann, wenn wer er sich ärgerte, einen Schluck Wasser zu trinken und großes imaginäres Loch zu schaufeln, um seine Wut bildlich darin zu vergraben.

Während er sich also umdrehte, grub er im Kopf sein Loch und trank einen Schluck Wasser. „Wieder mal so eine Tussi aus der Stadt, die die Welt retten will und dabei alles nur schlimmer macht“, schob er nach und begann damit das Loch wieder zuzuschütten.

Als er seinen Blick wieder Richtung Strand richtete, bemerkte mit Erleichterung, dass die Frau sich in Bewegung gesetzt hatte und an seinem Versteck vorbei den Strand entlang weiterging.

Zwei Tage später, Richard war wieder auf Beobachtungsposten und beobachtete gerade Team 32 beim Liebesspiel, brach das Chaos erneut aus und zerstörte jegliche Eintracht.

„Was zum Teufel“, fluchte Richard und begann auch gleich ein Loch auszuheben. Gleichzeitig zoomte er den futterbringenden Eindringling näher ran und erkannte auf Anhieb die Frau vom Tag zuvor. „Schon wieder die! Kommt die jetzt jeden Tag?“, zeterte er leise los, drehte sich um und grub noch ein Stückchen weiter, bevor er einen Schluck Wasser nahm. Als er wieder hinsah, war sie bereits an ihm vorbei.

Als wäre er vorgewarnt gewesen, entdeckte Richard die Frau ein paar Tage später bevor das Geschrei der Möwen ihn auf sie aufmerksam machte. Er dachte bereits daran, vorsichtshalber sein Loch aufzuwerfen, da entschied er anders und nahm sie genauer unter die Lupe. Die Frau warf den Möwen wieder Brot hin und setzte gleich darauf ihren Weg fort. So wie manche Menschen den Fernseher einschalten, wenn sie in die Wohnung kommen und dann nicht hinsehen, so schenkte diese Frau den Möwen ihre Aufmerksamkeit nur für den Moment des Fütterns. Im Geschrei der Möwen zog sie weiter. Das verwirrte Richard.

Als er sie das nächste Mal sah, ging sie wieder geradewegs zu den Möwen, fütterte sie und spazierte am Strand entlang weiter. Richard beobachtete sie durch sein Fernglas. Da hob sie ihren Kopf und sah geradewegs in seine Richtung. Ihr Blick ging plötzlich direkt durch seine Linse bis mitten in sein Herz und befahl ihm still zu stehen. Richards Herz gehorchte und traute sich erst weiter zu schlagen, als sie ihren Blick abwendete. Dann raste es laut trommelnd der verlorenen Zeit hinterher, auch dann noch als die Frau längst an Richard vorbeigegangen war.

Am nächsten Tag kam die Frau nicht und Richard ging früher als gewöhnlich nach Hause.

Als sie wieder am Strand auftauchte schluckten die Möwen das mitgebrachte Futter als wären sie am Verhungern. Richard war nicht minder gierig und studierte sie von Kopf bis Fuß. „Sie ist schön. Kein Firlefanz, kein unnötiger Schnick Schnack. Wunderschön und allein,“ durchströmte es ihn.

Auch in den nächsten Tagen enttäuschte sie ihn nicht. Sie kam, warf den Möwen Futter hin und wanderte inmitten des Geschreis weiter, die Blicke tief in die Dünen oder weit auf das Meer hinaus. Richard holte seine Digitalkamera heraus. Auf Bildern gehen keine Details verloren.

Zurück in seiner Wohnung setzte er sich an den Computer. Der Zauber, der sein Herz berührt hatte, ging nun auch auf seine Augen über. Richard meinte immer neue Ähnlichkeiten mit seinen Silbermöwen zu erkennen. Da war der Mund, verschlossen, still. Nicht wie bei anderen Menschen, die pausenlos lächelten oder redeten. Die vollen Lippen, die aufeinander ruhten, gaben keine Miene preis. Runde, schwarze Augen, die ins Leere sahen, doch denen keine Gefahr entging.

Soweit konnte Richard seine eigenen Überlegungen noch mit einer gewissen Belustigung betreiben, was ihn aber wirklich stutzig machte, war die Art, wie sie den Kopf hielt, so ruhig und erhaben, lange auf die Dünen gerichtet, den Strand oder das Meer. Niemals hastig, immer zielsicher.

Um es kurz zu machen, Richard begann auf die Frau zu warten. Sie tauchte regelmäßig alle paar Tage für ein paar Minuten auf und verschwand dann wieder hinter der nächsten Strandbiegung.

Richard machte Bilder, sammelte sie, wie er einst als Kind Möwenfedern gesammelt hatte und träumte abends im Bett von Begegnungen und gemeinsamen Abenteuern und konnte oft lange nicht einschlafen.

Als Richard am nächsten Morgen sein Fahrrad Richtung Straße schob, kam hinter der Hecke eine Nachbarin vorbei, die plötzlich ihren Hund an der Leine zog und mit ihm zu reden anfing. Richard war es gewöhnt, dass Menschen Wichtigeres zu tun hatten als ihn zu grüßen, wenn sie sich begegneten, doch diesmal traf es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel: „Sie weiß, dass ich da bin, sie weiß, dass ich sie beobachte”. Richard sprang zurück ins Haus und sah sich die letzten Bilder nochmal an. “Da muss noch mehr sein, quälte er sich und langsam formte sich eine Überzeugung in ihm: “Sie will beobachtet werden und wartet jetzt darauf, dass ich den nächsten Schritt mache”. Wie die Sonne plötzlich hinter einer Wolke hervorkommt und alles überflutet, so legte sich die Hoffnung über seine Seele.

Voller Vorfreude radelte er zum Strand und brachte sich in Position. Er wollte sie mit neuen Augen sehen, sich zu erkennen geben. Heute, morgen, übermorgen, ihm fehlte noch ein Plan.

Sie kamen von hinten. Er hatte sie nicht bemerkt. Erst als sie ihn riefen, drehte er sich um. Zwei Polizisten, der eine sagte: „Guten Tag. Uns liegt eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Stalking vor. Können Sie uns sagen was Sie hier machen?“ Der andere stand stumm daneben.

Gefangen

Gefangen

Es ist Mittag. Ich liege da und gucke fern. Ich liege mittags nie da und gucke fern. Nur heute. Mir fehlt die Kraft zu denken, geschweige denn etwas zu tun.

Es ist schwül draußen. Die Julihitze fährt wie eine Straßenwalze über meinen Willen.

Ich sollte den Artikel fertig schreiben, an dem ich gerade arbeite, schaff es aber nicht, mich dafür zu motivieren. Also bleib ich liegen und glotz in die Röhre. Die Nachmittagssendungen der Privaten kann ich mir trotzdem nicht antun. Soviel Ehre hab ich noch. Ich schalte um auf Netflix. Dort wird mir ein Streifen vorgeschlagen, der nach Rosamunde Pilcher riecht. Heute die Nummer vier in Italien. Ich schaffe ich es noch, mich zu fragen, warum mir so was vorgeschlagen wird, dann drücke ich, ohne mir Gedanken über die Antwort zu machen, auf OK. Ich weiß in den ersten vier Minuten wie der Film ausgehen wird. Genau das Richtige.

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Als die beiden Hauptdarsteller zum ersten Mal aufeinandertreffen bekomme ich Durst. Ich bin aber zu träge, um aufzustehen und mir was zu trinken zu holen. Also bleib ich liegen und durstig.

Er und sie nähern sich an, da klingelt mein Handy, das ich blöderweise in meiner Tasche habe. Die Tasche liegt in der Garderobe. Ich lass es klingeln, bis es aufhört. Vielleicht war’s Martin? Der ist daran gewöhnt, dass ich manchmal nicht antworte und wird es wieder versuchen. Ich bin ihm so unendlich dankbar für seine Geduld und wünsche mir, er wäre hier, damit ich ihm das auch mal sagen kann. Wir könnten diesen Film vielleicht gemeinsam schauen und ein bisschen rummachen.

Im Film küssen sich die beiden endlich, aber am nächsten Tag heiratet sie seinen Anwalt, also besäuft er sich und haut dann ab.

Ich sollte etwas anderes tun. Nicht einfach so rumliegen. Schade, dass ich mein Handy nicht habe, sonst könnte ich Martin zurückrufen und fragen, ob er heute früher nach Hause kommt.

Im Film versinkt er grad in Liebeskummer. Er trifft sich mit seiner Ex wegen irgendetwas. Sie merkt natürlich was mit ihm los ist, nickt ihm zu, als würde sie ihm die Erlaubnis erteilen, endlich das zu tun, was sein Herz ihm rät, und er packt seine sieben Sachen und fährt zu seiner neuen Liebe. Die hat sich inzwischen von ihrem Mann, dem Anwalt, getrennt. Mein Magen fühlt sich mulmig an.

Er steht am Grill im wunderschönen Schlossgarten, wo er ein kleines Restaurant eröffnet hat und bereitet gerade ein köstliches Essen vor. Da kommt sie mit ihrer Vespa angefahren, parkt unter einem uralten, schattigen Baum und geht auf ihn zu. Die ganze Zeit sieht sie ihm in die Augen und lächelt. Er wartet bis sie vor ihm steht, dann fragt er sie, wie es ihr geht. Gerade so als wollte er wissen, ob sie ihn liebt. Während mir die Tränen den Hals hochkriechen und in die Augen drängen werd ich ungeduldig. Sie erzählt, dass sie angefangen hat zu studieren. Er findet das großartig. Zusammen gehen sie ins Haus und in ihr Glück. Sie kriegen sich, und ich heule wie ein Schlosshund. Endlich.

Dann steh ich erleichtert auf und mache mich an die Arbeit.

Gefangen

Gefangen

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Vietato soffermarsi e lordare

Draußen kommt ein johlendes Martinshorn schnell näher. Mia blickt vom Bildschirm hoch und aus dem Fenster. Das Draußen wird zum Drinnen, die Nacht verwandelt ihr Spiegelbild in einen Avatar. Mia braucht mehrere Sekunden, bis sie Bild und Ton ihren jeweiligen Welten zuordnen kann. Dann sieht sie auf die Uhr. Es ist kurz vor zwölf. Ihr Nacken spannt, die Augen wollen schlafen gehen. Nur noch wenige Fotos, dann ist sie fertig.
 
Mia ist Hochzeitsfotografin und hat sich auf After Wedding Shootings in Venedig spezialisiert. Zum vereinbarten Termin trifft sie die Paare in Venedig und verwandelt ihren großen Traum in Bilder, die zuhause als unumstößliche Beweise des Glücks gepostet, geteilt und gerahmt werden.
 
Je früher sie ihre Bilder dem Paar übergeben kann, desto mehr fühlt sich Mia als Teil dieses Glücks und nimmt dafür auch Überstunden gern in Kauf. Doch diesmal läuft es nicht wie geplant. Die Fotos vom letzten Shooting sind noch nicht bearbeitet und in zwei Tagen muss sie zum nächsten Termin nach Venedig. Das Hotel hat ihr vor drei Tagen einen Strich durch die Rechnung gemacht und das Zimmer für das geplante Dressing Up kurzfristig abgesagt. „Buchungsfehler“.
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Sie war sich wie vor einem dieser Greifautomaten vorgekommen, mit denen man versucht, ein süßes Plüschtier herauszuholen. Es liegt schon in der Kralle und plötzlich fällt es raus und jeder weitere Versuch es zu fassen scheitert ebenso. Mia musste mehrmals im Hotel anrufen, immer wieder E-mails schreiben, bis sie ihr Zimmer endlich wieder hatte. Am liebsten wäre sie hingefahren und hätte es besetzt, eingenommen bis zu ihrem Termin. Die Aufregung hat sie am Arbeiten gehindert. Seit Stunden sitzt sie jetzt am Computer, damit sie morgen die Bilder übergeben kann. Nur noch ein Bild, dann ist sie fertig.
 
Wie ein Adler kreist ihr Blick über das Foto, um kleine Störenfriede zu entdecken, die Mia dann in Fotoshop bearbeitet. Einmal die Runde, zweimal, bis seine Aufmerksamkeit an einem alten Schild in der Mitte hängen bleibt. Vietato kann sie noch gut entziffern, Verboten, der Rest ist zu klein. Neugierig vergrößert sie das Bild.
 
Vietato soffermarsi e lordare steht auf dem Schild. Was das heißt, weiß sie nicht. Sie weiß aber, dass sie eine Antwort geben will, wenn ihre Kunden sie nach der Bedeutung des Schildes fragen. Schon tippt sie die Wörter in einen online Übersetzer ein, der wirres Zeug ausspuckt: Es ist verboten zu verweilen und zu ekelig. Ekelig ist Quatsch, das muss sie nochmal googeln. Aber Verweilen enttäuscht sie auch. Was heißt das eigentlich? Bevor sie ein Synonym finden kann, fantasiert sie Bilder von einer grünen Bank neben einer Trauerweide am See, die ihre langen Äste ins Wasser fallen lässt. Kleine kreisförmige Wellen gehen von den Zweigen aus, wenn der Wind sie bewegt. Jetzt die Schuhe ausziehen und die Füße im Wasser baumeln lassen.
 
Als hätte sie alleine schon der Gedanke an das kühle Wasser wachgerüttelt, kehrt sie zu ihrer Arbeit zurück.  Sie muss fertig machen. Zurück zum Wort. Tippen ist schneller ist denken. Soffermarsi kann auch mit aufhalten, sich aufhalten übersetzt werden. Vielleicht ist es wegen der Enge der Gassen gefährlich, wenn sich zu viele Menschen auf einem kleinen Platz aufhalten, drängen und es besteht das Risiko, dass jemand in den Kanal fällt. Oder die Venezianer wollen keine Bettler, die sich hier aufhalten, herumlungern. Kompliziert, denkt sich Mia.
 
Jetzt gibt sie das zweite Wort ein. LordareHässlich. Ist es verboten im schönen Venedig hässlich zu sein?
 
Mia ist so müde, dass das Lachen nicht mehr die Muskeln in ihrem Gesicht erreicht. Nur noch ein Versuch. Sie gibt die Kombination lordare + significato in die Suchmaschine ein. Während sie die Einträge mit den italienischen Erklärungen überfliegt, hofft sie ein bekanntes Wort zu finden. Da fällt ihr sporcare ins Auge. Das Wort kennt sie, es heißt beschmutzen. Das macht Sinn und passt zu ekelig. Ein Verbot, Abfälle hier liegen zu lassen oder die Hauswand zu beschmieren.
 
Mia zögert, was hat ein Aufenthalts- und Verschmutzungsverbot in ihrem Hochzeitsbild zu suchen? Sie streckt sich in ihrem Sessel, lehnt sich nach hinter, dreht den Kopf schief und starrt auf das Foto. Wie eine Spinne spukt sie ihren Faden aus und verwebt das Verbot mit dem Hochzeitspaar. Vietato sporcare. Die weiße Braut wird zum Opfer, doch Mia lässt sich nicht auf den Gedanken ein. Da muss doch mehr dahinterstecken, schließlich können Frauen und Männer gleichermaßen mit Dreck werfen. Aus einer dunklen Ecke kriecht die Erinnerung an den Rosenkrieg ihrer Eltern hervor und verströmt seinen widerlichen Geruch. Schnell verbannt sie den Geist wieder in die Flasche. Darauf hat sie jetzt keine Lust.
 
Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, nähert sich dem Bildschirm, zoomt das Foto ein und aus.
 
Vietato soffermarsi. Die einzelnen Worte jagen sie wie im Fiebertraum, peitschen Bedeutungen und Gefühle aus ihr heraus. Soffermarsiruhen lassen, stehen bleiben. Sie will nicht stehen bleiben, kann nicht ruhen lassen. Es ist verboten stehen zu bleiben. Niemals stehen bleiben. Immer weiter. Immer Neues.
 
Mia starrt auf das Hochzeitspaar. Der Anblick lähmt sie. Sie weiß, was geschieht, wenn einer in der Beziehung stehen bleibt. So wie Matthias. Er war vorhersehbar geworden, und sie hatte ihn verlassen.
 
Sie will nicht an Matthias denken. Er hat nichts mit diesem Foto zu tun. Sie haben nie von Heirat gesprochen. Es ist das Bild. Das Bild spritzt Gift in ihr Gehirn. Sie muss Schluss machen, will die Datei schließen, da durchströmt sie die Überzeugung, dass das Schild ihr etwas sagen will.
 
Aber was? Seit sie es bemerkt hat, lässt es sie nicht mehr los und zieht sie immer mehr in seinen Bann. Die schwarzen Buchstaben laufen wie Ungeziefer auf sie über, injizieren ihre Botschaft.
 
Verboten. Du darfst nicht! Du sollst nicht! Du musst! Sie hört ihre Mutter schreien, ihren Vater toben, Matthias leise weinen. Vor ihren Augen fangen kleine schwarze Punkte an zu tanzen, sie kommen näher und näher, werden größer und wachsen zu weißen Verbotstafeln an, auf denen schwarz Vietato steht. Es sind so viele. Wie Planeten fliegen sie von allen Seiten auf sie zu, der Zusammenprall steht kurz bevor. Mia wird schwindelig, kalter Schweiß auf ihren Händen und im Gesicht.  Trommelwirbel in den Ohren.
 
Das Klingeln des Handys entreißt Mia dem höllischen Strudel. Annika, die Freundin, die im Nachbarhaus wohnt, ist gerade nach Hause gekommen und hat bei Mia noch Licht gesehen.
 
„Stör ich“ fragt sie.
 
„Nein“, schluchzt Mia und reißt sich vom Bildschirm los, „kann ich zu dir kommen?“

Fliegenschiss

Unterm Fliegenschiss

Zwei Personen befinden sich im selben Raum. Eine Person sitzt auf dem Sofa, die andere spült das Geschirr. Eine Weile lang spricht keiner von beiden. Dann steht Person A auf und geht durch den Raum, am Esstisch vorbei, wo sie kurz stehenbleibt und auf die Lampe schaut, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.  Als sie ihre Runde fortsetzt, sagt sie:
 
A: „Hast du gesehen? Dort, auf dem Lampenschirm beim Esstisch. Eine Fliege hat da hingeschissen.“
 
B hält kurz in der Arbeit inne, schaut starr geradeaus und antwortet:
 
B: „Ja Schatz, hab ich gesehen. Ich putz den Schiss gleich weg.“
 
Ohne Person B weiter zu beachten, macht A einen Abgang. Person B unterbricht ihre Tätigkeit immer noch und hört plötzlich eine Stimme, an die sie gewohnt scheint.  
 
C: Fliegenschiss?? Ich glaube du steckst in einer viel größeren Scheiße. Warum tust du das? Hattest du den Fliegenschiss tatsächlich schon bemerkt? Und wenn ja, stört er dich überhaupt? Oder sind es vielleicht ganz andere Dinge, die dich quälen?
 
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Schiss und Schatz! Das ist nicht dasselbe. Die Wörter kannst du nicht austauschen, auch wenn bei dir mittlerweile mehr Scheiß als Schatz angesagt ist. Kannst du dich überhaupt noch erinnern an den Schatz, den du, den ihr gemeinsam gehoben habt? Das war ein Fest! Eure Träume wurden wahr. Das ganz große Ding. Wo ist es hin? Es kann doch nicht zu einem Fliegenschiss verkommen sein!
 
B widmet sich nun wieder der Spüle und wendet ein:
 
B: „Du übertreibst.“
 
C: Ich übertreibe?  Deine Worte - sinngemäß: „Schatz, ich hab den Fliegenschiss gesehen - ich liebe es, wenn du mich auf Fliegenschisse aufmerksam machst.“
 
B hält wieder inne, dreht sich um, als suche sie die Stimme.
 
C: Was ist das für ein Fliegenschiss, der dich stramm stehen lässt? Jedenfalls kein normaler. Schnapp dir ein Mikroskop und schau dir alle Oberflächen dieser Welt darunter an. Wetten, dass du Scheißhaufen in allen Größen und Varianten findest! Willst du die alle wegputzen?
 
B: „Das war nicht so gemeint.“
 
C: Das war nicht so gemeint? Halt. Stopp. Einen Moment. Was war nicht so gemeint? Und: Wie bitteschön war es denn gemeint? Fakt ist, dass eine Fliege tatsächlich ihren Schiss abgelegt hat. Na und. Die Frage ist doch vielmehr: Wie meinst du es denn? Warum fühlst du dich überhaupt zuständig? Weil du besser putzen kannst?
 
Na dann fang mal bei dir an aufzuräumen!
 
B setzt sich hin und legt die Hände in den Schoß. Der Blick geht ins Leere.

Unterm Fliegenschiss

BZ9 8616 Bearbeitet

Innen weiblich

Innen weiblich

06 Quantitaeskontrast 2 Bearbeitet 1

Innen weiblich

Frühmorgens holte das Taxi  Carlo ab und brachte ihn zum Bahnhof. Während der Fahrt schlief er die meiste Zeit. Gegen Mittag kam er  in Hamburg an.
 
Das Hotel, in dem er ein Zimmer gebucht hatte, lag in St. Pauli. Es war immer dasselbe. Und immer wenn er ankam, packte er seine Taschen und den Koffer aus, hing seine Sachen fein säuberlich in den Schrank oder legte sie in den Regalen ab oder verteilte sie im Badezimmer. Dann steckte er sich ein federleichtes, rotes Seidentüchlein in die linke Brusttasche seines Sakkos und machte sich auf den Weg hinunter zu den Landungsbrücken. Matrosenluft atmen, den Schiffen zusehen mitten unter all den schönen Menschen des Nordens. Er konnte stundenlang in einem Lokal oder irgendwo am Hafen sitzen und sich an ihrer Helligkeit laben, sie in ihren Bewegungen verfolgen, bei denen ihr schlanker, hoher Wuchs zur Geltung kam und eintauchen in ihre eisklaren Augen, für die es keine Hindernisse zu geben schien.
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Am späten Nachmittag kehrte er in sein Hotel zurück. Dort wusch er sich die Reste des Alltagslebens vom Leib und machte sich an die Verwandlung. Nach Stunden minutiöser Kleinstarbeit stieg Phönix aus der Asche und erstrahlte in tausend Farbnuancen. Mit jedem Pinselstrich gewann er an Kraft und Stärke und wurde zu einem Kometen, der nicht mehr aufzuhalten war. Eine einzige Zeremonie von Lust und Schönheit, an der auch das Kleid aus hellen Wolken und sonnenstrahlenden Paillettenschuppen und die Frisur teilnahmen. Das blonde Haar türmte sich in den Himmel, goldene Wellen griffen wie die Arme eines Kraken ineinander. Die funkelnden Augen leuchteten mit den grünen Glitzersteinen um die Wette.
 
Freia war geboren, war am Leben und verlangte ihr Tribut.
 
Die Karaokebar lag nicht weit vom Hotel entfernt. Als Freia das Lokal betrat, näherte sie sich wie eine satte Raubkatze ihrem Rudel. Überschwänglich begrüßte sie Priscilla und Olivia, ihre wahren Schwestern, ihre Mütter, ihre Heimat, verschenkte großherzig Worte und Umarmungen und genoss sie ihrerseits wie die Wüste den lang ersehnten Regen.
 
Als es soweit war, betrat Freia die Bühne. Im Lokal herrschte nach der letzten Performance ausgezeichnete Stimmung, die Gäste plauderten und lachten, einige tanzten sogar, andere fieberten ihrem eigenen Song entgegen. Inmitten dieses Lärms setzte die Musik an, und als Freia anfing zu singen, bahnte sich ihre Stimme langsam aber unaufhaltsam ihren Weg hin zum Publikum. Binnen weniger Minuten wandten sich die Gäste von ihren Unterhaltungen ab und Freia zu. Einen nach dem anderen nahm sie gefangen und injizierte ihnen ihre Leidenschaft. Mit dem Ende des Liedes zog das Meer der Geräusche sich angespannt zurück, um kurz darauf in einem Sturm der Begeisterung über sie hinweg zu preschen. Ein Augenblick, der sich tief in ihr verewigte.
 
Die stolzen Küsse und Umarmungen ihrer Freundinnen, die lechzenden Komplimente fremder Männer, die hingebungsvollen Blicke der Gäste saugte sie auf wie ein hungriger Ameisenbär. Dafür lebte sie.

Mit ohne

Mit ohne

Heute habe ich Marian wieder gesehen. Das erste Mal seit unserer Trennung. Jetzt liege ich in meinem Bett, der Straßenlärm dringt bis in‘s Zimmer. Es ist dunkel. Ich kann nicht einschlafen, spüre seinen Blick, wie er mich angesehen hat. Seine Augen sahen nicht mich, sondern bohrten Löcher in mich hinein, wo er seine Wünsche hineinschrauben und verankern wollte.
 
Ich will das nicht mehr.
 
Nach dem Treffen bin ich durch die Straßen gelaufen. Ich wollte diesen alles verklebenden Blick wieder loswerden. Irgendwann spürte ich dann Hunger und ging in eine Imbissbude. Der Typ vor mir bestellte grad einen Burger mit ohne Zwiebel und die Soße dazu mit ohne scharf.
 
Meine Mutter sagt immer, das geht nicht.  Entweder mit oder eben ohne, beides geht nicht, sagt sie. Mein Leben fühlt sich aber genauso an. Ein Leben mit ohne ihn. Das will ich.  

Mit ohne

BZ9 3414 Bearbeitet 1

Aussicht

Aussicht

Mai2022

Aussicht

Am Fenster stehend blickte Filippo auf seine drei Töchter. Eine innere Ruhe, so groß wie das platte Meer, überkam ihn und mit einem tiefen Atemzug inhalierte er den Augenblick. Es kam nicht mehr oft vor, dass sich alle drei zu einem gemeinsamen Mittagessen bei ihm einfinden und dann bleiben konnten.
 
Während sie im Garten auf ihn warteten, plauderten sie friedlich miteinander. Sie glaubten ihn noch bei seinem Nachmittagsschläfchen, gönnten ihm die halbe Stunde Ruhe und spürten nach, wo sich ihre Erinnerungen und aktuellere Erlebnisse verweben ließen.
 
Wie sehr sie sich doch ähnelten. Von seinem Fensterplatz im ersten Stock konnte er sie kaum auseinanderhalten. Pinta stach ein wenig hervor. Sie war die Jüngste und die Größte.  Ein Rohdiamant, den das Leben mit etwas Glück noch schleifen würde.
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Filippo erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen immer einen Zauberstein mit sich herumtrug. Mit ihm hatte sie eine lange weiße Schlange auf sein dunkles Auto gemalt. Für Pinta war es die Schlange aus einem Kinderbuch. Filippo erinnerte sich genau. Die Schlange will darin eine kleine Maus fressen, und der Maus gelingt es, sie auszutricksen, indem sie von ihrem Freund, dem Monster erzählt. Als Filippo die Schlange entdeckt hatte, war er allerdings selbst zum Monster geworden. Was hatte er geflucht und sogar seine Frau Emanuela, Gott hab sie selig, beschimpft, weil sie nicht besser auf das Mädchen aufgepasst hatte. Oder auf das Auto. Das blieb in dem Gezeter unklar.
 
Es tat es ihm leid, wie er damals die Fantasie seiner Tochter mit Füßen getreten hatte, und er sah Pinta wieder vor sich, wie sie geweint und Zuflucht bei seiner Frau gesucht hatte. Emanuela war es erst nach Tagen gelungen, sie zu beruhigen, das Monster wieder einzufangen und zu bändigen. Heute merkte man Pinta nichts mehr an. Sie hatte ihre Kreativität zu ihrem Beruf gemacht, war erfolgreich und sah glücklich aus.
 
Maria stand nun auf und ging in die Küche, um den Wasserkrug nachzufüllen. So wie einst seine Frau war Maria diejenige, die sich immer um die anderen kümmerte. Den Ehrgeiz hatte sie allerdings von ihm, daran zweifelte er keinen Moment. So wie früher seine Frau, war jetzt Maria der Leuchtturm in der Familie. Wenn jemand ein Problem hatte, dann gingen alle zu ihr. Unter seinen Töchtern war sie diejenige, die sich auch um ihn am meisten bemühte. Er hatte sich daran gewöhnt, doch manchmal überkam ihn ein flaues Gefühl, dann nämlich wenn er Dankbarkeit verspürte für Marias Ähnlichkeit mit seiner Frau Emanuela, die dadurch ein bisschen weniger tot war.  
 
Pinta musste grad etwas Lustiges erzählt haben, denn nun lachte Nina laut auf. Ihr Lachen war bis in den oberen Stock zu hören und Filippo musste schmunzeln. Ihr Lachen war klar und sprudelnd wie ein Gebirgsbach und genauso mitreißend. Wenn Nina lachte, dann lachte auch er und plötzlich fühlte sich sein Leben leicht und gut an. So wie jetzt. Er schaute auf seine drei Töchter und beschloss sich ihnen anzuschließen.

Erinnerungen

Erinnerungen

Langsam und sachte nahm Birgit Paul die Augenbinde ab und legte sich neben Paul. Kaspar saß daneben und sah gespannt auf Pauls geschlossene Augen. Ein Kind, das ein Geschenk übergibt und ganz kribbelig wird, weil der Beschenkte sich Zeit lässt, das Paket auszupacken, hätte nicht ungeduldiger sein können: „Nun mach die Augen endlich auf!“, drängte er ihn.
 
Paul gehorchte, der Vorhang ging hoch und Kaspar blickte stolz in zwei schwarze Augen, in denen sich die unzähligen Halme des ersten Heus spiegelten, das der Bauer am Tag zuvor eingefahren hatte.
 
Zufrieden legten sich nun auch Kaspar neben Paul und Birgit. Die drei versanken tief im weichen Heuboden und zwischen ihnen bildete sich ein kleiner Wall aus gewelkten Gräsern, trockenen Blättern und spitzen Stängeln. Keiner sprach ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken und Erinnerungen nach, während draußen ein Traktor vorbeituckelte. Ein paar Insekten summten betrunken in der dicken Heuluft, die von einem durch einen Bretterspalt fallenden Sonnenstrahl scharf durchschnitten wurde. In diesem Tortenstück unzählige Staubpartikel, schwebend in einem nicht enden wollenden Tanz vereint. Alles war Musik.
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Plötzlich kam am oberen Ende eine Katze zum Vorschein, die sich gelangweilt an den Rand des Bodens setzte und laut gähnte. Paul musste grinsen. Sie machte diesen Moment perfekt, war nicht bestellt oder geplant. Sie war einfach nur da, weil die Scheune ihr gehörte.
 
Vor zwei Jahren gehörte auch ihm diese Scheune. Hier spielten er und seine Freunden Verstecken, heckten Abenteuer aus und besprachen Geheimes. Hier hüpften sie das Heu platt und kamen mit unzähligen roten Striemen auf Armen und Beinen nach Hause, die wie Feuer brannten, als sie sich abends waschen mussten. Sie hüpften trotzdem in die zweite Maht, hüpfen noch, als der Bauer es ihnen bereits verboten hatte.
 
Der Geruch der Scheune war unverändert. Dieser stickige, warme, dicke Duft, der einem fast die Luft zum Atmen nahm. Dieser Geruch von Enge und Geborgenheit war so wunderbar, weil er sich mit dem Schritt nach draußen plötzlich auflöste und das Gefühl von Freiheit dadurch erst entstehen ließ.
 
Als Birgit sich leicht aufsetzte und Paul ansah, nickte er. Auf sein Zeichen griffen sie sich unter Pauls Körper an den Händen und trugen ihn bis an den Rand des Heubodens. Dort hievten sie ihn herunter und fuhren mit ihm nach draußen.

Erinnerungen

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Die alte Dame

Die alte Dame

April2022

Die alte Dame

Die alte Dame sitzt allein
ergeben und  bedacht.
Voller Wehmut giert sie noch    
nach der vergang‘nen Macht.
 
Ein Hut bedeckt ihr dünnes Haar. 
 
Noch hat sie nicht aufgegeben,
betört den schnellen Blick 
und spielt ihr Spiel.
 
Vorbei ist sie
die hohe Zeit,
hat ausgefüllt ihr Leben.

Klara

Klara

Der vorbeifahrende Zug schreckte Klara aus ihrem Traum wie der hingebellte Befehl eines Offiziers, der die Reihen seiner Soldaten abschreitet. Der Puls pochte noch in ihren Schläfen, als sie sich in ihrem Sitz zurechtrückte, um sich an der Landschaft draußen zu orientieren. Da blieb ihr Blick an einem funkelnden Punkt inmitten des dunklen Waldes hängen.
 
Sie holte ihr Handy hervor, schaute wie spät es war und glich im Kopf die Zeit mit der geplanten Ankunft des Zuges ab. Dann sah sie wieder nach draußen und merkte, dass es die Spitze eines Kirchturms war, der, jetzt kaum noch erkennbar, vorhin noch den Glanz der Sonne zurückgeworfen hatte. Sie atmete langsam und tief aus. Das Handy behielt sie in der Hand.
 
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Kurz vor der Ankunft in München drängten sich die meisten Fahrgäste bereits auf dem Mittelgang. Darunter viele Passagiere mit Tüten und Taschen, die wie Klara hierher unterwegs waren oder sogar weiter reisten. Klara hatte keine Eile und blieb erst mal sitzen. Ihr Blick huschte von einem Passagier zum nächsten und blieb an einer Frau schräg gegenüber hängen. Die Frau war um die fünfzig, mittelgroß  und blond. Auf den ersten Blick im Äußeren Klara sogar ähnlich, was diese aber weit von sich gewiesen hätte. Allein der zwei Zentimeter lange, dunkle Haaransatz war Welten von ihr entfernt. Und dann die weiße Handtasche, die quer im Ellenbogen der Frau schaukelte. Klara hatte eine ähnliche bereits vor Jahren im Container der Caritas entsorgt.
 
Jetzt drehte sich die Frau, wobei ihr Blick weit in den Raum glitt. Ihre Hand war leicht geöffnet und nach oben gedreht, die roten Fingernägel leuchteten.  Der zuckende Ringfinger schickte Morsezeichen aus.  Mit der anderen Hand rückte die Frau ihre Sonnenbrille im Haar zurecht, dann streifte sie über ihr gelbes Wickelkleid den runden Hüften nach. Offene und versteckte Blicke der umstehenden Passagiere klebten an ihr, und es dauerte nicht lange, bis eine Motte angeflogen kam, ihr den Koffer von der Ablage hob und vor sich her in Richtung Ausgang schob. 
 
Erlöst stand nun auch Klara auf, holte ihr Gepäck und stieg schließlich auf das Bahngleis. Dort sah sie zuerst nach links, dann nach rechts, geradeso als ob sie vor einem gefährlichen Straßenübergang stände und steuerte dann dem Ausgang Arnulfstraße zu, um mit dem Taxi in ihre kleine Pension zu fahren. 
 
In ihrem Zimmer angekommen verstaute sie ihre Sachen und nahm mit ihrer Playlist das Badezimmer in Beschlag. Es waren Songs aus den Achtzigern.  Zur Musik von Madonna hatte Klara in den Discos getanzt, war jedes Wochenende von einer Party zur nächsten gezogen. Bis sie Roger, ihren Mann kennenlernte. Die Wochenenden verbrachten sie von nun an zu zweit, waren glücklich.
 
Madonna sang auch jetzt, als sie sich Lotion über ihr rechtes Bein streichelte, den Unterschenkel hoch bis in die Kniekehle. Roger war Vergangenheit, heute sollte Maurice ihre babyzarte Haut bemerken, ihre Muskeln spüren, keinen Makel finden.
 
Endlich war sie das Material Girl, das sich nahm, was es wollte. Endlich hatte sie den Mut aufgebracht und das Date mit Maurice gebucht. Seit Roger fort war hatte sie sich auf zwei kurze Männergeschichten eingelassen, die ihre Erwartungen in kürzester Zeit zu Enttäuschungen zusammenschrumpfen ließen. Sie hatte keine Lust auf weitere Experimente. Roger hatte sich seinen Spaß gegönnt und dabei keine Rücksicht auf sie genommen. Sie hätte ihm das Abenteuer verziehen, wenn er sich wenigsten die Mühe gemacht hätte, Reue zu zeigen. Hatte er aber nicht. So keimte schon seit längerem die Sehnsucht in ihr, es ihm gleich zu tun und sich dabei gute Qualität zu fairem Preis zu gönnen.
 
München war ideal für ihr Vorhaben. Im Internet hatte sie schnell den passenden Mann gefunden. Am Ende hatte seine weiche, ruhige Stimme den entscheidenden Ausschlag gegeben. Sicher führte er sie durch die organisatorischen Details, so dass sie nur noch bestätigen und die Anzahlung leisten musste. Klara war überzeugt, mit Maurice hatte sie eine gute Wahl getroffen.
 
Ebenso wie mit ihrem neuen dunkelgrünen Kleid, das sie sich extra für den Abend gekauft hatte. Die Farbe, so fand sie, stand ihr ausgezeichnet, und ihre Augen leuchteten. „Grün wie die Hoffnung“, schoss es ihr durch den Kopf, und sie flüsterte in den Spiegel: „Die stirbt zuletzt“.
 
Punkt sieben rief sich Klara ein Taxi, das sie ins Hotel brachte. Lange hatte sie überlegt, Maurice in die Pension zu bestellen, wo sie jahrelang mit Roger abgestiegen war, hatte am Ende aber anders entschieden. Diese Nacht wollte sie einpacken und wegräumen können. Wohin, das wusste sie noch nicht. 
 
So schritt sie jetzt wie ferngesteuert der großen Eingangstür des Hotels entgegen. Ihr Herz hämmerte lauter und schneller mit jedem Tritt, und eine Welle der Nervosität brauste über sie hinweg und drohte alle Absichten mit sich fort zu schwemmen. Klara hatte geahnt, dass das passieren würde und steuerte geradewegs dem Rettungsanker an der Rezeption entgegen. Die Fragen erlösten sie, sie verlangten nur kurze Antworten. Als sie endlich ihre Zimmerkarte in der Hand hielt, fühlte sie sich besser. Sie hatte den Sprung ins Meer gewagt, nun musste sie nur noch schwimmen.
 
Ihr Mund jedoch war wie ausgetrocknet und da sie früh dran war, entschied sie spontan, an der Bar noch einen Prosecco zu trinken.
 
Die Hotelbar war fast leer. Klara wusste nicht recht wohin und ging durch den Raum, bis sie etwas abseits ein kleines Zweiertischchen am Fenster sah. Eine Zimmerpalme hatte es zuerst verdeckt, eine von denen,  wie man sie oft in Warteräumen findet. Bevor Klara sich setzte, kontrollierte sie, ob sie von dort den Hoteleingang im Blick hatte. Dann nahm sie Platz.
Es war sehr ruhig. Jazz hing in der Luft. In sich gegenüberstehenden, dunklen Ledersesseln dösten zwei ältere Leutchen vor sich hin. Näher am Eingang telefonierte  eine Frau, während neben ihr ein Kind am Tisch mit Malen beschäftigt war. An der Bar ein einzelner Rücken in einem elegant wirkenden Jackett. Der Mann saß leicht nach vorne gebeugt auf einem Hocker, das Bier daneben sah frisch und ehrlich aus und für einen Moment überlegte Klara, ob sie nicht auch ein Bier trinken sollte. Doch als der Kellner an ihren Tisch kam, bestellte sie Prosecco.
 
Draußen war Wind und Regen aufgekommen. Schon war die Scheibe voller Tropfen. Tausende kleine Wasserwürmer steuerten aufeinander zu, vom Sturm getrieben, um dann zu verschmelzen und an der Scheibe herunterzulaufen und zu verschwinden. 
 
Klara holte ihr Handy hervor und sandte Maurice wie vereinbart ihre Zimmernummer. Es waren noch gut 20 Minuten bis zum Date. Der Kellner brachte den Prosecco und Klara nahm einen ordentlichen Schluck. Wie eine dieser Neujahrsraketen schoss er die Kehle hinunter und explodierte in ihrem Magen. Das kleine Feuerwerk sprühte bis in ihre Nase und brachte sie in Feierlaune. Sie fing an, die Situation zu genießen. 
 
Entspannt wanderte Klaras Blick durch den Raum und blieb wieder am Mann an der Bar hängen. Sie wunderte sich, wieso sie fast so was wie Interesse für ihn verspürte. Maurice würde jedenfalls jünger sein, seine Haare noch schwarz. Im Videochat hatte er um die Vierzig gewirkt, aber nach seinem Alter wollte sie nicht fragen.
 
Nun stand der Mann auf und zog seine Jacke aus. Dabei drehte er sich um und sah sie an.  Ohne jegliche Vorwarnung platzte eine Bombe in Klaras Bauch und die Druckwelle schoss ihr die Beine weg und jagte über ihre Fingerspitzen hinaus. Das erste was ihr in den Sinn kam war: „Nicht jetzt.“
 
Auch Roger hatte sie entdeckt und kam lachend näher. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Klara daran, aufzustehen und wegzugehen. Doch dafür war es zu spät, außerdem versperrte ihr diese blöde Palme den Weg.
 
Roger stand nun vor ihr und strahlte sie an. Er fragte sie, was sie denn hier täte und was das für ein Zufall sei, und überhaupt, wie es ihr ginge und dass sie gut aussehe und dass er sich freue sie hier zu sehen. Und je mehr er fragte und redete und strahlte, desto ruhiger wurde Klara. Plötzlich ging ihr ein Licht auf. Roger war nervös. Er war nervös wegen ihr. Sie sah ihn an und lächelte.
 
Oben im vierten Stock klopfte ein schwarzhaariger Vierzigjähriger an eine Tür und wunderte sich, dass niemand öffnete. Er kontrollierte die Zimmernummer und als er sah, dass sie richtig war, schüttelte er den Kopf. Vergeblich versuchte er sein Date telefonisch zu erreichen.
 

Klara

Lisa farbe s