Erinnerungen

Langsam und sachte nahm Birgit Paul die Augenbinde ab und legte sich neben Paul. Kaspar saß daneben und sah gespannt auf Pauls geschlossene Augen. Ein Kind, das ein Geschenk übergibt und ganz kribbelig wird, weil der Beschenkte sich Zeit lässt, das Paket auszupacken, hätte nicht ungeduldiger sein können: „Nun mach die Augen endlich auf!“, drängte er ihn.
 
Paul gehorchte, der Vorhang ging hoch und Kaspar blickte stolz in zwei schwarze Augen, in denen sich die unzähligen Halme des ersten Heus spiegelten, das der Bauer am Tag zuvor eingefahren hatte.
 
Zufrieden legten sich nun auch Kaspar neben Paul und Birgit. Die drei versanken tief im weichen Heuboden und zwischen ihnen bildete sich ein kleiner Wall aus gewelkten Gräsern, trockenen Blättern und spitzen Stängeln. Keiner sprach ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken und Erinnerungen nach, während draußen ein Traktor vorbeituckelte. Ein paar Insekten summten betrunken in der dicken Heuluft, die von einem durch einen Bretterspalt fallenden Sonnenstrahl scharf durchschnitten wurde. In diesem Tortenstück unzählige Staubpartikel, schwebend in einem nicht enden wollenden Tanz vereint. Alles war Musik.
weiterlesen
Plötzlich kam am oberen Ende eine Katze zum Vorschein, die sich gelangweilt an den Rand des Bodens setzte und laut gähnte. Paul musste grinsen. Sie machte diesen Moment perfekt, war nicht bestellt oder geplant. Sie war einfach nur da, weil die Scheune ihr gehörte.
 
Vor zwei Jahren gehörte auch ihm diese Scheune. Hier spielten er und seine Freunden Verstecken, heckten Abenteuer aus und besprachen Geheimes. Hier hüpften sie das Heu platt und kamen mit unzähligen roten Striemen auf Armen und Beinen nach Hause, die wie Feuer brannten, als sie sich abends waschen mussten. Sie hüpften trotzdem in die zweite Maht, hüpfen noch, als der Bauer es ihnen bereits verboten hatte.
 
Der Geruch der Scheune war unverändert. Dieser stickige, warme, dicke Duft, der einem fast die Luft zum Atmen nahm. Dieser Geruch von Enge und Geborgenheit war so wunderbar, weil er sich mit dem Schritt nach draußen plötzlich auflöste und das Gefühl von Freiheit dadurch erst entstehen ließ.
 
Als Birgit sich leicht aufsetzte und Paul ansah, nickte er. Auf sein Zeichen griffen sie sich unter Pauls Körper an den Händen und trugen ihn bis an den Rand des Heubodens. Dort hievten sie ihn herunter und fuhren mit ihm nach draußen.

Erinnerungen

BZ9 4927 Bearbeitet