Das Sommerpraktikum

Das junge Mädchen stand am Waschbecken hinter dem Ausschank. Das weiße Polo adrett hinter die schwarzen Hosen gesteckt, enganliegende, kurze schwarze Schürze und sogar das Holzschildchen auf der linken Brustseite – alles war so, wie bei den anderen Angestellten der Strandbar „L’isola“ auch. Äußerlich stolperte ein aufmerksamer Beobachter höchstens über den Namen auf dem Schildchen: Lydia. Mit y. Aber dazu musste sich das Mädchen erst mal umdrehen. 
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Lydia spülte die Gläser, das dreckige Geschirr der Strandgäste, die sich einen Toast im Schatten gegönnt hatten oder zwischendurch bei einem kühlen Bier Erholung suchten. Ihr Leben war gefangen in dieser Strandbar, eingesperrt zwischen Geschirrspüler, Tresen und den Tischen, die sie sauber machte. Ihr Auftrag drehte sich im Kreis:  Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen, Tische abräumen, Geschirr ausräumen, Tische abräumen, Geschirr in die Spülmaschine füllen und so weiter und so weiter. 
 
Vor der Strandbar lag das Meer und noch viel weiter weg die Berge, die Lydia ausgespuckt hatten.
 
Beim Abschied am Flughafen hatte ihre Mutter gesagt: „Wenn du wiederkommst, sprichst du perfekt italienisch“ bevor sie sie noch einmal umarmt und dann allein gelassen hatte. Im Moment wusste Lydia nicht, was sie mehr hasste, ihre Mutter, die Italiener oder sich selbst, weil sie dem Sommerjob zugestimmt hatte. 
 
Manchmal sprach ein Gast sie an. Dann stieg eine plötzliche Panik in ihr hoch und ohne auf die Worte zu achten, sah sie sich hilfesuchend nach den richtigen Kellnerinnen um, den italienischen.  „Deve parlare in inglese con lei“, sagten sie meist nur, und in Lydias Scham mischte sich die Wut.  Lydia war hier um Italienisch zu lernen, nicht Englisch! Warum konnten sie sich nicht die Zeit nehmen, ihr die Dinge zu erklären? Das allein, fand sie, war der Schlüssel raus aus ihrem Hamsterrad. Also wartete Lydia darauf, bis ihn jemand in die Hand nahm und den Käfig aufsperrte. 
 
Fünf Tage war sie nun schon hier, und ihre Haut war dünn geworden. Harmlose Worte und Gesten verwandelten sich in spitze Messer, weil sie sie entweder an zuhause erinnerten oder daran, dass sie nicht zuhause war. Um ihnen auszuweichen suchte Lydia Zuflucht bei ihrem Geschirrspüler, hoffte, dass der Waschgang fertig war, um die Tür zu öffnen und der heiße Wasserdampf die roten Augen erklären und den Kloß in ihrem Hals wieder auflösen konnte. 
 
„Lydia, go and get some lemons from the kitchen”, holte sie die Oberkellnerin aus ihren Gedanken. Lydia ließ das Geschirrtuch fallen und lief los. Als sie auf das Gebäude mit der Küche zusteuerte, entdeckte sie Bernd, der geradewegs auf die Strandbar zukam. Er war am späten Abend vor zwei Tagen mit einem Freund gelandet. Sie hatten seinen Besuch seit Monaten geplant. Doch als Lydia ihn gestern sah, bereute sie es, ihn um diese Reise gebeten zu haben. Sie wäre lieber alleine untergegangen, als unter seinem mitleidenden Blick. Nicht ungern verschwand sie daher in die Küche. Geschickt wich sie den herumschwirrenden Küchenleuten, Kellnern und anderen Wichtigkeiten aus und suchte sich ihren Weg in die Kühlzelle, bis hin zu den Zitronen, die sie auf demselben Weg zurück in ihre Strandbar brachte. 
 
„Grazie cara“, rief ihr die Oberkellnerin über die Schulter zu, und Lydia war ihr unendlich dankbar dafür. Es fühlte sich so gut an, etwas richtig zu machen, besonders jetzt, wo Bernd da war. „Ich schaffe das, ich werde Italienisch lernen, die Gäste in ihrer Sprache bedienen. Ich kann das“. Wie nach einem Sprung ins kühle Meer, reckte sie sich erfrischt und siegessicher auf und schaute sich suchend nach Bernd um. Mit einem kurzen Nicken signalisierte sie ihm, dass sie ihn gesehen hatte und dass er warten musste, bevor sie sich daran machte, eine Ladung schmutziger Gläser in die Spülmaschine zu räumen. Erst danach schnappte sie sich einen Lappen und ein leeres Tablett und zog los, um die Tische abzuräumen. Auf ihrem Weg machte sie an Bernds Tisch Halt, der seine Cola inzwischen ausgetrunken hatte. 
 
„Wie geht es dir?“, fragte Bernd und suchte ihren Blick. Lydia klemmte sich das Tablett in die Hüfte und sah ihn kurz an: „Gut“.
 
Bernd kannte diesen Ton. Es ging ihr nicht gut. Hilflos fing er an: „Wir haben uns dort hinten positioniert.
 
Dort sind keine kleinen Kinder. Also weniger Geschrei. 
 
Wir sind grad erst angekommen. 
 
Ganz schön heiß, heute wieder, was?
 
Hast du heute Mittagspause?“
 
„Später, ich weiß noch nicht,“ Lydia wollte weiter, ihre Arbeit tun.
 
„Viel los heute, was?“
 
„Ja,“ antwortete Lydia und sah sich dabei demonstrativ um, damit Bernd verstand, dass sie hier gebraucht wurde und auch um sicher zu gehen, dass die anderen Kellner sie nicht beobachteten, wie sie hier am Tisch stand und nichts tat.  
 
Da berührte Bernd ganz leicht den kleinen Finger ihrer linken Hand, die locker herunterhing, während ihre rechte die Arbeitsutensilien noch immer fest umklammerte. 
 
Lydia zuckte zusammen und die Sehnsucht überrollte sie wie ein Tsunami. Wie sehr wünschte sie sich seine starke Schulter, seine breite Brust, wollte sich an ihn schmiegen, alles vergessen, nur von ihm gehalten werden. 
 
„Ich muss jetzt gehen. Bis später,“ würgte sie heraus. Dann drehte sie sich um und ging wieder in die Strandbar, wo sie als erstes den noch laufenden Geschirrspüler öffnete. 
 
 

Das Sommerpraktikum

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